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Karin Kieltsch at EnBW 2002

SWO Online-Ausstellungen

Karin Kieltsch
EnBW Karlsruhe
06. März bis 03. Mai 2002
Online-Preview

Manfred Schmalriede: Vor-Bilder – BILDER – Bilder

Das Bildermachen hat das Sprechen eingeholt. Doch nicht die laufenden Bilder allein bestimmen das Tempo, sondern die dosiert gesetzten Fotografien entwerfen oder artikulieren ähnlich wie Sprache bildliche Aspekte der Wirklichkeiten von Bildern. Mit programmierten Kameras, erweitert inzwischen durch digitale Bildverarbeitung, könnten Fotografen über Bilder in Dialoge eintreten. Solch dialogische Strukturen sind keineswegs ungewöhnlich. Zeichnen und Malen sind Tätigkeiten, die sich in Prozessen entfalten und Künstlern ermöglichen, verschiedene Aspekte und Positionen miteinander in Beziehung zu setzen, so dass die Bilder sukzessive entstehen, dabei entworfen aber ebenso verworfen werden.

Beim Fotografieren organisiert das Auge, orientiert durch den Sucher der Kamera, in wenigen Augenblicken, was der Apparat in Bruchteilen einer Sekunde festhält. Doch gemeinsam ist allen Formen des Bildermachens, dass in der Regel ein Rechteck als Begrenzung wesentliche Voraussetzungen schafft für alles, was sich innerhalb der Grenzen ordnet.

Was Bilder zu leisten vermögen, erfährt man daher unmittelbar beim Bildermachen. Mit der Kamera konzentriert Karin Kieltsch sich auf den Moment, in dem die „Idee“ des Bildes mit dem in den Sucher eingespiegelten Bild zusammenfällt. Diese „Einheit“ von Auge, Apparat und Welt ist das Ergebnis eines Balanceaktes, in dem drei Ebenen für einen Moment zur Deckung gebracht und zu einem Bild verdichtet werden. Während das Bild die initiierte Einheit unter kalkulierbaren Bedingungen verkörpert und präsentiert, zerfällt sie für die Fotografin wieder. Das Auge kehrt in die Mannigfaltigkeit des Unartikulierten zurück. Die Fotografin schlüpft in die Rolle der Betrachterin. Das Bild bedeutet für sie so etwas wie die Konkretisierung eines Aspekts ihrer Innenwelt in Relation zur wahrgenommenen Außenwelt. Die von ihr entworfene Einheit nimmt dabei einen ambivalenten Charakter an. Sie ist als Bild einmalig in ihrer Organisation, als Medium verknüpft sie mindestens die drei Aspekte, die zu ihrer Entstehung beigetragen haben und die für die Fotografin als Betrachterin potenziell zur Verfügung bleiben.

Der fremde Betrachter wird das Bild nicht so ohne weiteres in dieser Ambivalenz erleben. Denn es wird ihm nicht leicht gemacht, die Beziehung zur gemeinsamen Außenwelt tatsächlich zu nutzen, um die Bilder zu interpretieren. Karin Kieltsch abstrahiert beim Fotografieren so stark, dass ein Identifizieren der Außenwelt schwierig wird. In der Normalität des Fotografierens sind wir gewohnt, Bilder als Abbilder von etwas zu lesen, an das wir uns außerhalb der Bilder erinnern. Und obwohl die Fotografie vom technischen Prozeß her „abbildet“, macht die Fotografin Bilder, die nur bedingt mit der „Wirklichkeit“ zu tun haben, der sie „entnommen“ sind. Der Betrachter sieht sich einer Gestaltung gegenüber, deren Konzeption eigenen Gesetzen zu folgen scheint. Die Fragmente der Dingwelt werden in schlüssige Ordnungen, in Farb-, Form- und Lichtphänomene transformiert. Wir erleben die Kompositionen innerhalb klar umrissener Grenzen als sinnvoll, ohne uns direkt auf Erfahrungen der Außenwelt zu beziehen. An die Stelle dieser Erfahrungen treten andere. Wir assimilieren sie an abstrakte, konkrete oder konstruktivistische Bilder, Muster der Op-Art oder subtile Texturen des Informellen, die in manchen Fotografien von Karin Kieltsch über impressionistische Lichtsetzung diffus begrenzte Formen erzeugen. Diese ästhetischen Muster haben sich seit dem Neuen Sehen in der Fotografie der zwanziger Jahre über die Subjektive Fotografie der fünfziger Jahre ausgebreitet und die Motivation, fotografisch zu gestalten, geprägt.

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