| In der an exzentrischen Persönlichkeiten wahrlich nicht armen Musikgeschichte nimmt der Fürst von Venosa, Don Carlo Gesualdo (ca. 1560-1613), einen besonderen Platz ein. Das gilt nicht nur für den Privatmenschen, der seine erste Frau beim Ehebruch überraschte, sie zusammen mit ihrem Liebhaber ermorden und die Leichen dann bestialisch verstümmeln ließ. Auch der Komponist Gesualdo war in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Gleichgültig gegenüber den musikalischen Regeln seiner Zeit fand er Gefallen daran, immer und immer wieder gegen die Konvention zu verstoßen und - vor allem im Bereich der Harmonik - seine eigenen Vorstellungen umzusetzen.
Die phantastische Aufnahme des Taverner Concort & Choir unter Andrew Parrott stellt neun kurze Werke vor, die für das abendliche Stundengebet am Karfreitag komponiert und 1611 veröffentlicht wurden. Schlichte liturgische Gesänge umrahmen die "Tenebrae" (zu dt. "Dunkelheit" oder "Schatten"), weil die Verantwortlichen ihre unvermittelte und ununterbrochene Darstellung offenbar selbst einem vorgebildeten Publikum nicht zumuten wollten. Für eine erste Kontaktaufnahme mit Gesualdo war das wohl die richtige Entscheidung, denn seine Musik ist so mystisch, ungewöhnlich und fremdartig, dass sogar Anhänger geistlicher Musik zunächst ihre Schwierigkeiten haben dürften. Doch die Neugier wird belohnt. Wer sich auf Gesualdo einläßt, kann einen uralten und doch ganz neuartigen musikalischen Kosmos entdecken.
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