| Wen soll der liebeskranke Hauptmann Narraboth denn nun erschießen? Den verwirrten Sektierer Jochanaan, der schon genug mit seinen Entzugserscheinungen zu tun hat und allenfalls noch dazu taugt, ungemütliche Kellerwände mit absurden Wahnvorstellungen zu tapezieren? Oder die angebetete Prinzessin Salome, die gar nicht weiß wohin mit all den überschüssigen Begierden und darum kindlich-hilflos vom einen Bühnenende zum anderen kriecht? Oder jagt man sich besser selbst eine Kugel durch den Kopf, um vor der morbiden Gesellschaft, die in den Ruinen einstiger Machtvollkommenheit ihr hysterisches Dasein fristet, endlich Ruhe zu haben?
Die Fragen, die Michael Schulz an Richard Strauss´ „Salome“ stellt, sind allesamt berechtigt, und seine Idee, das biblische Drama in ein zeitgenössisches, ebenso lebensmüdes wie gewalttätiges Kammerspiel zu verwandeln, ist geeignet, selbst Strauss-Puristen auf Anhieb für sich zu gewinnen. Denn Schulz gelingen – etwa während des Rede- und Körperduells zwischen Salome und Jochanaan, bei den verzweifelten Versuchen der Herodias, endlich wieder Teil des unseligen Geschehens zu sein oder auch in der mit großer, aber keineswegs übertriebener Geste inszenierten Schlussszene – durch enge Partiturbindung immer wieder Bilder von faszinierender Eindringlichkeit. Gleichwohl vermag die Osnabrücker Neuinszenierung nicht in allen Einzelheiten zu überzeugen. Zu nebulös bleiben Rolle und Funktion des Jochanaan, zu inkonsequent verläuft etwa auch die innere Entwicklung der Salome, die schon in der Szene mit ihrem fanatischen Widersacher sehr viel mehr Energie und Willen zur Macht hätte ausstrahlen dürfen. Unter rein musikalischen Gesichtspunkten ist dem Osnabrücker Theater freilich eine veritable Spitzenleistung gelungen. Die über weite Strecken schlicht atemberaubende Nicole Carbone Heller macht den ambivalenten Charakter der Titelfigur, die zwischen rasender Leidenschaft und abgrundtiefer Verzweiflung, Lebensgier und Todessehnsucht hin- und hergerissen wird und ihr auf emotionales Einerlei fixiertes Umfeld schließlich in den Abgrund zieht, nicht nur deutlich, sondern auch glaubhaft. Giorgi Gagnidze gibt einen wuchtigen, bisweilen alptraumhaften Jochanaan, auch wenn es seinen markanten Auftritten an Textverständlichkeit mangelt. Suzanne McLeod spielt stimmlich und darstellerisch alle Facetten der rachsüchtigen, alleingelassenen Herodias aus, und Hans-Hermann Ehrich demonstriert – zum 40. Bühnenjubiläum -, dass er die komplexe Rolle des herrschsüchtigen und doch so albernen Königs Herodes noch immer im Griff hat, selbst wenn Bühnenpräsenz und Erfahrung der einen oder anderen Schwierigkeit mit Spitzentönen und Gesangslinien zu Hilfe kommen müssen. Im Orchestergraben entzündet der scheidende Generalmusikdirektor Lothar Königs die ganze Dramatik und exotische Farbenpracht der Strauss´schen Partitur, nur in den lyrischen Passagen fehlt es dem beeindruckend homogenen Klangkörper mitunter noch an Präzision und Einfühlungsvermögen.
Aufführungen: 25. April, 6., 15., 23., Mai Kartenvorbestellung unter: 0541 / 3233314
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