| Wenn ein Liebesduett in der Frage gipfelt, ob sie sein Forscherleben teilen möchte und der Gegenstand der scheuen Anbetung dann auch noch von einem „Eden aus Zahl, Kalkül und Proportionen“ schwärmt, läuft irgend etwas anders als sonst. Doch diese kleine Anekdote markiert längst nicht den einzigen Unterschied, durch den Paul Hindemiths fast dreistündige Oper „Die Harmonie der Welt“ von anderen Werken der Gattung getrennt wird. Die breitgefächerte Geschichte um das Leben und Wirken des berühmten Johannes Kepler ist vielmehr der wohl ambitionierteste Versuch ein Ideendrama mit musiktheatralischen Mitteln auszugestalten.
Das geht – wie oben angedeutet – ganz eindeutig zu Lasten jeder sinnlichen Ansprache und so erweckt Hindemiths klassizistischer Deklamationsstil über weite Strecke den nicht eben anheimelnden Eindruck einer restlos unterkühlten Laborathmosphäre, die sich mit den Erwartungen an die Wirkungsmöglichkeiten der Kunstgattung Oper zweifelsohne überwerfen muss. Das verzweifelte Ringen um den tieferen Sinn des Universums, der irgendwo zwischen kosmischer Harmonie und menschlicher Dissonanz vermutet werden mag, übt auf den Hörer gleichwohl eine wenigstens intellektuelle Sogwirkung aus, die auch der bei Wergo erschienenen Ersteinspielung ihren unverwechselbaren Stempel aufdrückt. Neben der kongenialen Besetzung der Hauptrollen mit Francois Le Roux (Kepler), Robert Wörle (Wallenstein), Sophia Larson (Susanna) und Michelle Breedt (Katharina) besticht vor allem das fantastische Dirigat Marek Janowskis, der das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin weniger durch eine Partitur als durch eine Ansammlung hochauflösender Röntgenaufnahmen lenkt. Dass diese Einspielung Hindemiths 1957 in München uraufgeführter „Harmonie der Welt“ zu einer steilen Theaterkarriere verhilft, ist so gut wie ausgeschlossen – als geistesgeschichtliches Dokument war sie längst überfällig.
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