| Das Beispiel Franco Alfanos beweist eindrucksvoll, wie ungerecht die Musikgeschichte gelegentlich sein kann. Dass der einst viel gespielte Komponist selbst eingefleischten Opernfreunden nur noch als „Vollstrecker“ der unvollendet gebliebenen Puccini-Oper „Turandot“ bekannt ist, wäre an sich schon betrüblich genug. Aber Alfano hat für den Dienst am verstorbenen Kollegen auch noch Spott und Häme einstecken müssen, obwohl die Schwächen seiner Fassung in erster Linie auf die Korrekturen des Uraufführungs-Dirigenten Arturo Toscanini zurückgehen.
Unter diesen Umständen verdient die Entscheidung der Kieler Oper, die sich vor einiger Zeit entschloss, Alfanos Oper „Cyrano de Bergerac“ auf den Spielplan zu setzen, ein ausdrückliches Lob für den seltenen Mut zum Risiko. Aber die soeben als Live-Mitschnitt erschienene Gesamtaufnahme belegt darüber hinaus, dass sich die ambitionierte Bühne nicht frucht- und ergebnislos in archäologische Dienste begeben hat. Die 1936 uraufgeführte Oper markiert zwar keinen musikalischen und natürlich auch keinen inhaltlichen Fortschritt, kann aber dennoch in jeder Hinsicht als repertoiretauglich gelten. Alfanos Stärke liegt in der bruchlosen Integration melodischer, harmonischer und rhythmischer Errungenschaften der veristischen Oper, an deren Erfolgsgeschichte eben nicht nur Giacomo Puccini beteiligt war. Auch Franco Alfano beherrscht die subtilen Klangfarben, das Gespür für ausgefallene Instrumentierungen und dramatische Effekte, die als emotionales Bindemittel zwischen Bühne und Zuschauerraum so überzeugend funktionieren können. In der von Markus Frank dirigierten Einspielung kommen diese Vorzüge eindrucksvoll zur Geltung. Daran haben die herausragenden Hauptdarsteller naturgemäß entscheidenden Anteil. Denn so wie Manuela Uhl (Roxane), Roman Sadnik (Cyrano) oder Paul McNamara (Christian) die weltberühmte Vorlage von Edmond Rostand zum Klingen bringen, wird selbst eingeschworenen Gegnern dieser abschüssigen Ästhetik der Fehdehandschuh aus der Hand gewunden. Natürlich kann man im Zusammenhang mit Puccini, Alfano, Mascagni, Leoncavallo und all den anderen von Kitsch reden. Und von Klischees, Plattitüden, und Akkordappellen an nicht eben vornehme Instinkte natürlich auch. Aber über großes, weil packendes und mitreißendes Musiktheater sollte dann gerechterweise auch ein Wörtchen verloren werden.
Franco Alfano: Cyrano de Bergerac, cpo
zurück zur Übersicht bitte | |