| Die demonstrative Nicht-Beachtung aktueller Moden und Trends ist an sich noch kein Qualitätsmerkmal. Doch wenn sich diese Verweigerungshaltung mit seltener Originalität und überzeugenden inhaltlichen Ansprüchen paart, stellt sich die Lage schon anders dar. Dem estnischen Komponisten Arvo Pärt, der sich seit den 70er Jahren immer weiter von der musikalischen Avantgarde absetzt, wird man beides zugute halten müssen. Denn Pärt trägt die Vorliebe für tonale Strukturen und sakrale Inspirationsquellen nicht einfach zur Schau. Sie bilden vielmehr das Rückgrat seines umfangreichen Werkes, dessen Suggestivkraft nicht nur die große Fan“gemeinde“ des Komponisten, sondern hin und wieder auch schon mal Rationalisten und Skeptiker in blankes Erstaunen versetzt haben soll.
Wer den drei Werken, die auf der neuesten Pärt-CD versammelt sind, eine faire Chance gibt, versteht schnell, warum das so ist. Denn die beiden Psalmvertonungen „Wallfahrtslied“ (1984) und „Como sierva sedienta“ (1998) sowie die kleine Tondichtung „Orient & Occident“ erweisen sich bei näherem Hinhören keineswegs als rückwärtsgewandte Meditationsübungen. Stattdessen geht es dem Komponisten um die musikalische Übersetzung grundsätzlicher Konflikte zwischen Leben und Tod („Wallfahrtslied“), Mensch und Gott („Como cierva sedienta“) oder eben Orient und Okzident, die auf einer höheren Erkenntnisstufe wieder versöhnt werden. Dabei setzt Arvo Pärt keineswegs nur auf Altbewährtes, und mit dem unsinnigen Schlagwort „Neues Mittelalter“ ist es dieses Mal auch nicht getan. Die Psalmvertonungen von 1998 bestechen zum Beispiel gerade durch eine für Pärt nicht eben typische harmonische Vielfalt. Der positive Gesamteindruck wird durch die herausragenden Interpretationsleistungen noch einmal verstärkt. Denn Helena Olsson (Sopran), der Schwedische Radiochor und das Schwedische Radiosymphonieorchester unter der Leitung von Tonu Kaljuste erweisen sich als ebenso kompetente wie kompromisslose Anwälte dieser Musik. Insgesamt wird die detailreiche Erkundung der Pärtschen Partituren sicher nicht nur Freunde finden, aber das lässt sich nun einmal nicht immer ändern ...
Arvo Pärt: Orient & Occident, ECM Records
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