| Im Revolutionsjahr 1848 versuchte Johann Strauss (Vater) seinen zweitgeborenen Sohn Joseph zur Aufgabe seines Ingenieursstudiums zu bewegen. Joseph sollte eine militärische Laufbahn einschlagen. Doch der widersetzte sich dem strengen Vater in einem denkwürdigen Brief: "Ich will nicht Menschen tödten lernen, will nicht durch Jagdmachen auf Menschenleben ausgezeichnet werden, einen hohen Rang einnehmen, ich will dem Menschen nützen als Mensch (doppelt unterstrichen) und dem Staate als Bürger." Soldat ist Joseph Strauss dann tatsächlich nie geworden, aber auch seine Ingenieurstätigkeit währte nicht lange. Seit Anfang der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts verstärkte er die Strauss-Dynastie als Dirigent, vor allem aber als Komponist, dem nicht wenige Kenner ein weit größeres Genie nachsagten als dem ungleich populäreren Walzerkönig. 2002, im Jahr seines 175. Geburtstages, stand Joseph Strauss immerhin an Stelle seines Bruders im Mittelpunkt des Neujahrskonzertes der Wiener Philharmoniker. Stardirigent Seji Ozawa, der das traditionelle Musikereignis zum ersten Mal leitete, fehlte erkennbar jenes ganz besondere Wiener Gespür, das im Vorjahr seinen österreichischen Kollegen Nikolaus Harnoncourt auszeichnete. Doch der designierte musikalische Leiter der Wiener Staatsoper wartete stattdessen mit äußerstes Präzision, ausgefallener Dynamik und einer Programmauswahl auf, die geeignet war, Joseph Strauss aus dem langen Schatten seines Bruders zu befreien. Nicht nur der brillante Panorama-Walzer "Aquarellen", auch genialische Kleinformen wie der musikalische Scherz "Plappermäulchen" oder die Polka Mazur "Die Libelle" weisen Joseph bis heute als genialen Tonsetzer aus, den vielleicht nur der frühe Tod (1870) daran hinderte, sich gleichberechtigt neben Johann an der Spitze der Wiener Tanzmusik zu etablieren.
Ob es Joseph Hellmesberger, der 2002 als nicht-verwandter "Gast" auf dem Strauss-Frestival vorgestellt wurde, je dahin gebracht hätte, darf bezweifelt werden. Seinen "Danse diabolique", den Ozawa mit entsprechender Energie durch die Wiener Philharmoniker jagte, feierte das Publikum gleichwohl zu recht als echte Wiederentdeckung und dankbare Repertoireerweiterung. Fazit: Der erstklassige Live-Mitschnitt des Neujahrskonzertes ist auch in diesem Jahr eine Bereicherung für wirklich jede CD-Sammlung!
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