| Im Vorfeld des Bach-Jahres 2000 beauftragte die Internationale Bachakademie Stuttgart den Komponisten Wolfgang Rihm, eine (von insgesamt vier) Passionsmusiken zu schreiben, um das Erbe des barocken Meisters neu zu beleben. Rihm entschied sich wegen der vergleichsweise seltenen antisemitischen Ausfälle für den Text des Lukas-Evangeliums: "Die anderen Evangelien wären für mich, als deutscher Komponist, niemals gestaltbar gewesen." Die biblische Vorlage kombinierte Rihm mit Texten aus der Karwochen-Liturgie und einem Gedicht von Paul Celan ("Tenebrae") und stellte damit das Leiden der Gottheit in eine finale Beziehung zum Leiden der Menschheit.
Die "Passions-Stücke nach Lukas" faszinieren aber nicht nur durch die ungewöhnliche Textzusammmenstellung, sondern vor allem durch ihre sehr individuelle, ungeheuer eindringliche musikalische Ausdeutung, die den Hörer volle neunzig Minuten in ihren Bann schlägt. Am 29. August 2000 wurde dieses ebenso zeitlose wie zeitgemäße Meisterwerk, das ideal geeignet zu sein scheint, um jenseits aller Geschmacksvorlieben Bewegung und echte Anteilnahme hervorzurufen, in Stuttgart uraufgeführt. Das exorbitante Solistenensemble bestand aus Juliane Banse, Iris Vermillion, Cornelia Kallisch, Christoph Prégardien und Andreas Schmidt. Mit ihnen musizierte die Gächinger Kantorei und das Bach-Collegium Stuttgart unter der Leitung des brillanten Helmuth Rilling. Bei hänssler ist jetzt ein bereits preisgekrönter Livemitschnitt dieser denkwürdigen Veranstaltung erschienen. Er dürfte - nicht nur von Freunden zeitgenössischer Musik - als wirkliche Repertoirebereicherung, als hochgradig aufregende, spannende, ja mitreißende Exkursion in literarische, musikalische, theologische und humanistische Gefilde empfunden werden.
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