| Der junge Komponist hat das Leben noch vor sich, aber die große Kunst geht ihm bereits über alles. Für seinen solventen Auftraggeber zählt sie dagegen bestenfalls zu den "die Verdauung fördernden Genüssen". Und den Sängern ist eigentlich völlig gleichgültig, was sie da gerade zum Besten geben, wenn sie nur gut bezahlt und optimal in Szene gesetzt werden.
So gesehen ist die Oper "Ariadne auf Naxos" auch ein veritabler Beitrag zur Kulturkritik und nicht allein auf die philosophische Deutung fixiert, die der Text-Dichter Hugo von Hofmannsthal in seinem berühmten "Ariadne-Brief" vom Juli 1911 vorgegeben hat: "Verwandlung ist Leben des Lebens, ist das eigentliche Mysterium der schöpfenden Natur; Beharren ist Erstarren und Tod.
Wer leben will, der muss über sich selber hinwegkommen, muss sich verwandeln; er muss vergessen. Und dennoch ist ans Beharren, ans Nichtvergessen, an die Treue alle menschliche Würde geknüpft. Dies ist einer von den abgrundtiefen Widersprüchen, über denen das Dasein aufgebaut ist, wie der Delfische Tempel über seinem bodenlosen Erdspalt."Über die Interpretation dieser - neben "Salome" und "Elektra" - vielleicht gelungensten Strauss-Oper läßt sich trefflich streiten. Dass der vor wenigen Wochen so überraschend verstorbene Giuseppe Sinopoli mit seiner letzten Opern-Einspielung noch einmal eine Referenzaufnahme vorgelegt hat, die ihresgleichen sucht, steht dagegen nicht zur Diskussion. Mit ungeheurer Präzision und selten erlebtem Einfühlungsvermögen leitet er die Strauss-geprüfte Staatskapelle Dresden durch die filigranen Strukturen dieses seltsamen Gebildes, das sich nicht entscheiden zu können scheint, ob es Kammermusik oder große Oper sein möchte. Auch die Solisten verdienen sich das Prädikat "sensationell" uneingeschränkt und ohne jede Ausnahme. Nicht auch deshalb, sondern gerade deshalb, weil man von Deborah Voigt (Primadonna/Ariadne), Anne Sophie von Otter (Komponist), Natalie Dessay (Zerbinetta), Ben Heppner (Tenor/Bacchus) oder Albert Dohmen (Musiklehrer) kaum weniger erwartet hätte.
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