| Für den germanischen Volkshelden, der unter dem Namen Hermann der Cherusker in die Geschichte eingegangen ist, hatte Georg Friedrich Händel nicht viel Zeit übrig. Sein "Arminio" entstand in nur 19 Tagen, zwischen dem 15. September und dem 3. Oktober 1736. Die Oper wurde nach nur sechs Vorstellungen abgesetzt und in England erst 1972 wieder aufgeführt. Noch einmal 28 Jahre später erklang sie in Italien, wo der Dirigent und Musikwissenschaftler Alan Curtis mit der Vorbereitung der soeben erschienenen Weltersteinspielung beschäftigt war. Seiner Meinung nach ist die kurze Entstehungszeit kein Indiz für mangelnde Qualität. Schließlich habe Händel den "Messias" noch sehr viel schneller zu Papier gebracht.
Das ist wohl wahr. Trotzdem wird niemand ernsthaft behaupten wollen, "Arminio" sei ebenfalls ein homogenes, durchgehend inspiriertes Meisterwerk. Handelt es sich doch viel eher um eine Art Opern Baustelle, auf der zahllose herausragende, bisweilen geniale Eingebungen herumliegen. Deren endgültige Bestimmung wird allerdings unklar bleiben, denn gleich daneben findet sich eine Fülle konventioneller, banaler, völlig nichtssagender Wendungen an, die bestenfalls als enttäuschende Reaktion auf einen vermeintlichen Zeitgeschmack gewertet werden können. Allerdings macht gerade dieser Werkstattcharakter die Oper interessant, die jetzt endlich in einer mustergültigen Gesamtaufnahme vorliegt. In den Hauptrollen überzeugen Vivica Genaux (Arminio), Geraldine McGreevy Tusnelda) und Dominique Labelle (Sigismondo). Überaus eindrucksvoll und nachhaltig im Gedächtnis bleibend agiert aber vor allem das Ensemble "Il Complesso Barocco" unter der begeisterten und dann auch begeisternden Leitung von Alan Curtis.
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