| Die Dokumentation eines singulären musikalischen Ereignisses wird nicht selten zum Menetekel, das schonungslos an die eklatanten Gedächtnisverluste der Moderne erinnert. So auch in diesem Fall, der längst keiner mehr wäre, wenn die Macher der bereits mehrfach preisgekrönten Günter Wand-Edition nicht zufällig an einer Oper vorbeigekommen wären, die bei ihrer Uraufführung im Jahr 1957 noch für Furore gesorgt hatte, dann aber den Sprung ins Repertoire verpasste. Heute gibt es „Bluthochzeit“ nur noch historisch oder häppchenweise – die einst auch im Konzertsaal oft aufgeführten Zwischenspiele auf CD, einen 1964 aufgezeichneten Mitschnitt aus dem Württembergischen Staatstheater Stuttgart auf DVD – oder eben die eigentliche Uraufführungsproduktion, die in diesem Jahr bei Profil, der Edition Günter Hänssler, erschienen ist.
Dem Komponisten, der nach dem Zweiten Weltkrieg zu den zentralen Figuren der zeitgenössischen Musikszene gehörte, bedeutende Festivals leitete und inspirierte und - unter vielen anderen - Hans Werner Henze, Milko Kelemen, Rudolf Kelterborn, Wolfgang Rihm, Hans Zender und Bernd Alois Zimmermann zu seinen Schülern zählte, erging es freilich nicht viel besser als seinem bedeutendsten Bühnenwerk. Und wenn Wolfgang Fortner (1907-1987) heute außerhalb von Jubiläumsjahren überhaupt noch Erwähnung findet, steht zumeist der „objektiv-kühle“ Ausdruck seiner Arbeiten, der „intellektualistische“ Kompositionsstil und die „streng stilisierte“ Formgebung im Mittelpunkt des Interesses. All diese Begriffe treffen zweifellos Kernbereiche seines musikalischen Selbstverständnisses, doch die packende, ja mitreißende Gesamtaufnahme der „Bluthochzeit“, die gut einen Monat nach der Weltpremiere in der Uraufführungsbesetzung der Oper Köln vom WDR aufgezeichnet wurde, zeigt eindrucksvoll, dass Fortner weit davon entfernt war, sich in der kompositorischen Praxis ausschließlich von Struktur- und Ordnungsprinzipien leiten zu lassen. Zum einen erweisen sich die zahlreichen gesprochenen Dialogpassagen, die Kurt Pahlen in seinem hier und da meinungsbildenden „Opernlexikon“ als „Bankrotterklärung“ des Musikers deutete, in der konkreten Gestaltung als unverzichtbare atmosphärische Werte und sinnstiftende Elemente. Darüber hinaus entfaltet sich auf der harmonischen Basis der Fortnerschen Zwölftonreihe eine ungeheuer suggestive Tonsprache, die Instrumentalisten, Sänger und Sprecher zu kongenialen Interpreten des düsteren Lorca-Dramas macht, in dem virulente Rachepläne, Gewaltbereitschaft und blinde Eifersucht das vorhersehbar tödliche Geschehen in Gang setzen. Hier werden Künstler zu eben jenen „Ausdrucksträgern des Unsagbaren“, die Wulf Konold vor einem Vierteljahrhundert als ideale Darsteller vorschwebten. So sehr der Umstand zu bedauern ist, dass die Spielplangestalter der Opernhäuser längst achtlos über die „Bluthochzeit“ hinwegsehen – es wäre schwer, wenn nicht unmöglich, die herausragende Qualität der Uraufführungsproduktion noch einmal auf die Bühne zu bringen. Der souveränen, jede Nuance ausleuchtenden, energiegeladenen und doch stets transparenten Stabführung von Günter Wand folgt hier das erstklassig disponierte Gürzenich Orchester, der klangvolle Chor der Kölner Oper und ein Solistenensemble, das nicht nur die Hauptpartien der Mutter (Natalie Hinsch-Gröndahl), der Braut (Anny Schlemm) oder des Leonardo (Ernst Grathwol), sondern auch die Nebenrollen – Gerhard Nathge als Mond oder Helga Jenkel als Bettlerin – exquisit besetzt. Bliebt zu hoffen, dass sich die eine oder andere Opernbühne von dieser Aufnahme doch noch inspirieren lässt – und dass die diskographische Wiederentdeckung von Fortners Werken nicht auf das Jahr seines 100. Geburtstages begrenzt bleibt, das uns bereits die Neuveröffentlichung des Violinkonzertes mit dem Ausnahmesolisten Gerhard Taschner bescherte. Die Günter Wand-Edition, in der unter „Vol. 9“ bereits die „Sinfonie für großes Orchester“ erschienen ist, wird jedenfalls noch einen Mitschnitt der Kantate „Chant de naissance“ nachreichen und darf sich so zu den derzeit wichtigsten Mentoren des fast schon vergessenen Komponisten zählen.
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