| Sein unstetes Leben bot Stoff genug für Romane, Opern und Filme. Doch der Musik, um derentwillen Wilhelm Friedemann Bach (1710-84) alle Unannehmlichkeiten ertrug, denen ein freischaffender Künstler im 18. Jahrhundert ausgesetzt war, standen Zeitgenossen und Nachwelt bestenfalls achselzuckend gegenüber. Selbst Johann Sebastian Bach, der seinen ältesten Sohn für den begabtesten hielt, konnte mit den Regelwidrigkeiten des Sprösslings mitunter wenig anfangen.
Und noch Jahre nach dem Tod des Umstrittenen fühlte sich Carl Friedrich Zelter veranlasst, seinem Briefpartner Goethe naserümpfend mitzuteilen, Wilhelm Friedemann habe „den Tic douloureux original zu seyn, sich von Vater und Brüdern zu entfernen“ und sei darüber „ins Pritzelhafte, Kleinliche, Unfruchtbare“ geraten. Die Differenzen mit den musikalischen Konventionen, die sich in überraschenden Intervallsprüngen, überlangen Vorhalten oder bizarren Akkordbildungen ausdrücken, haben das Interesse an Bachs verlorenem Sohn in den letzten Jahren neu belebt. Anthony Spiri lotet mit seiner klar strukturierten, überaus transparenten Interpretation von jeweils drei Fantasien, Fugen und Sonaten nun aus, wie weit Wilhelm Friedemann seiner Zeit tatsächlich voraus war. Eine musikgeschichtliche Nachhilfestunde mit hohem Unterhaltungswert.
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