| Händel selbst hielt "Theodora" für das bedeutendste Werk, welches er je geschaffen hatte. Doch schon nach den ersten Aufführungen mußte der Maestro feststellen, dass er mit seiner Meinung ziemlich alleine stand und bemerkte verstimmt, der Saal sei "so leer gewesen, dass man darin hätte tanzen können." Bis heute hat sich daran insofern nicht viel geändert als "Theodora" im Vergleich zu anderen Oratorien des 18. und 19. Jahrhunderts noch immer ein Schattendasein führt. Dabei erzählt Thomas Morrells Libretto eine Geschichte, die natürlich nicht das barocke, sehr wohl aber das moderne Publikum interessieren und bewegen müßte. Handelt es sich bei der schillernden Titelfigur doch um eine couragierte, selbstbewußte Frau, die sich den Herrschaftsansprüchen der Staatsmacht entgegenstellt, um ihren persönlichen Überzeugungen bis an ihr gewaltsames Lebensende treu bleiben zu können.
Händel inspirierten die dramatischen Ereignisse, die sich der Legende nach während der Regierungszeit des Kaisers Diokletian (284-305) zugetragen haben sollen, zu einem wahren Meisterwerk voll gewaltiger Spannungsbögen. Zwar basieren diese letztlich auf der simplen Teilung von Dur- (Römer) und Moll-Tonarten (Christen), doch die hat dem Komponisten genügt, um ein hoch differenziertes Geflecht unterschiedlichster Stimmungen und feinster Nuancen zu entwickeln. Der bei MDG erschienenen Neueinspielung gelingt es allerdings erst gegen Ende des letzten Aktes die reichen Interpretationsspielräume sinnvoll zu nutzen. Allzu betulich leitet der auf die vermeintlichen Klangvorstellungen der Entstehungszeit konzentrierte Peter Neumann das Collegium Cartusianum und die an sich ausgezeichnet disponierten Solisten Johanette Zomer (Theodora), Sytse Buwalda (Didymus), Helena Rasker (Irene), Knut Schoch (Septimius) und Tom Sol (Valens) durch das gut zweieinhalbstündige Werk. Vor allem dem Kölner Kammerchor hätte man bei der Vielzahl seiner Einsätze ein höheres Maß an dynamischer Flexibilität gewünscht. Trotz dieser Einschränkungen ist der Aufnahme ganz ohne Zweifel der Nachweis der Repertoiretauglichkeit gelungen. Und das ist vielleicht schon mehr als "Theodora" nach 250 Jahren noch erwarten konnte ...
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