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Musikkritik 20

Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion

Gustav Mahler: Symphonie Nr.2 "Auferstehung"

Wessen Auferstehung zelebriert Gustav Mahler in der 2. Symphonie? Die Wiederkehr des christlichen Gottessohnes? Wohl kaum. Die Renaissance des romantischen Geistes? Eher nicht. Seine eigene Errettung aus tiefer Verzweiflung und quälenden Sinnkrisen? Auch unwahrscheinlich.
Gibt es vielleicht gar keine konkreten Bezüge? Ist das gigantische Werk letztendlich "nur" ein furchterregender Parforceritt durch die Trümmerlandschaft der menschlichen Seele?
Fragen über Fragen, denen sich ein Dirigent, der es unternimmt, den spätromantischen Klassiker zum x.ten Male einzuspielen, ohne Zweifel stellen muss. Seji Ozawa hat das getan, aber auch er ist eine definitive Antwort schuldig geblieben. Möglicherweise mit gutem Grund, denn schließlich brauchte Mahler die programmatischen Ansätze, um überhaupt einen Rahmen für seine riesenhaften kompositorischen Ausmaße zu finden, aber schließlich war das Programm dann doch nur Mittel zum Zweck der absoluten Musik.

Im Mittelpunkt der Ozawa-Interpretation, die nun als Live-Mitschnitt des letztjährigen Saito Kinen Festivals in Tokyo vorliegt, steht denn auch die Partitur, der kahle Notentext mit all seinen plötzlichen Brüchen und unerklärlichen Widersprüchen. Ozawa zwingt das fantastische Saito Kinen Orchestra, den sonoren Shinyukai Choir und die in den Höhenlagen nicht immer ganz standfesten Solisten Emiko Suga und Nathalie Stutzmann all das ernst zunehmen, was da vor über hundert Jahren aufgeschrieben wurde: Brodelnde Unruhe, grenzenloses Verlangen und fanatisches Anrennen, triviale Geborgenheit, idyllisches Einssein und hymnische Fanfaren.
Damit gelingt ihm genau das, was keine ästhetisch verbrämte Programmdiskussion je hätte erreichen können - die Auferstehung der irritierenden Schockwirkung, die schon bei der Budapester Uraufführung im Jahr 1889 spür- und hörbar war. Und also sind die Musikfreunde des 21. Jahrhunderts zur Auseinandersetzung mit einem Werk aufgefordert, das den Lauf der Welt, die Lebensgewohnheiten seines Publikums und schließlich auch sich selbst radikal in Frage stellt. Kann man von der Neueinspielung einer vermeintlich bekannten Symphonie ernsthaft mehr verlangen? Wohl kaum.


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