| Adahm hat längst auf der Werkbank des bürgerlichen Lebens Platz genommen. Doch seine Frau Chawa und die beiden Söhne zieht es immer wieder in den paradiesischen Urzustand zurück. Zwischen Selbstverwirklichung und Beschäftigungstherapie, beides gleichermaßen ziel- und sinnlos, entlädt sich ihre Verzweiflung in sexuellen Zwangsvorstellungen, aggressiven Phantasien und schließlich in Gewalt und Mord. „Ich selbst bin eine Wildnis und weiß nicht ein noch aus“, singt der Brudermörder Kajin und beschreibt damit vorausschauend das Dilemma aller nachfolgenden Generationen.
Die einzige Oper des 1887 geborenen Rudi Stephan, der freiwillig in den Ersten Weltkrieg zog und 1915 bei Tarnopol erschossen wurde, gehört zu den faszinierendsten Bühnenwerken des frühen 20. Jahrhunderts. Auf der Grundlage des „erotischen Mysteriums“, das der exzentrische Philosoph und Schriftsteller Otto Borngräber im Jahr 1908 zu Papier brachte, schuf Stephan ein fein ziseliertes, oft funkelndes und gelegentlich explodierendes Klanggebilde, das von höchster Meisterschaft und seltener Originalität zeugt. Dass dieses Werk jahrzehntelang ein Schattendasein fristete und allenfalls in der beschönigenden und gekürzten Fassung von Karl Holl zu hören war, ist mehr als unverständlich, aber durch die herausragende Einspielung der Urfassung nun wenigstens nachträglich korrigiert. Der Live-Mitschnitt aus dem Konzerthaus Berlin bietet mit Siegmund Nimsgern (Adahm) und der gefeierten Wagner-Sopranistin Gabriele Maria Ronge (Chawa) zwei veritable Weltstars auf, die sich in den anspruchsvollen Rollen von ihrer besten Seite präsentieren. Auch das verfeindete Brüderpaar ist mit dem volltönenden Bariton Florian Cerny und dem - Gott auf hohem c lobenden - Tenor Hans Aschenbach erstklassig besetzt. Für die eindrucksvolle, farbenprächtige Instrumentalkulisse sorgt das hervorragend präparierte Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung des hochmotivierten Karl Anton Rickenbacher.
Rudi Stephan: Die ersten Menschen, 2 CDs, cpo
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