| Wenn nach dem Gefangenenchor kein frenetischer Beifall ertönt, hat der Regisseur entweder sein Publikum verprellt oder so ausdrucksstarke Bilder gefunden, dass selbigem schlichtweg der Applaus vergeht. Lorenzo Fioroni ist in Osnabrück beides gelungen und darüber hinaus eine der spektakulärsten und meist ausgebuhten Interpretationen in der Geschichte des ausgeweideten Evergreens. Zwischen drangsalierten Israelis, mörderischen Anti-Terror-Einheiten und pathologischen Parteiführern zeigt der junge Italiener, wie konzeptionelle Überlegungen und eine geradezu virtuose Personenführung sich gegenseitig ergänzen. So vermittelt er in prägnanten Bühnenbildern von Paul Zoller und variationsreichen Kostümen von Sabine Blickenstorfer einen Eindruck davon, wie heute Gewalt entstehen und wohin sie führen kann.
Fioroni demonstriert dabei eine eigenwillige Handschrift, die ererbte Sehgewohnheiten und vermeintlich bewährte Operntraditionen mit Hilfe origineller Betrachtungsweisen überwindet. Dass er stolze Israelis zum Zwecke des Perspektivwechsels in Gefangenenlager sperrt, die Anti-Terror-Kämpfer in skrupellose Massenmörder verwandelt, Nabucco und Abigaille russisches Roulette spielen oder Fenena im zweiten Akt ermorden lässt, um ihr im vierten eine süffisante Auferstehung zu gönnen, dass er schließlich die künstlerische Realität durchbricht und das bestellte happy end mit bitterem Nachgeschmack würzt, zielt weit über den schablonenhaften Theateralltag hinaus. Fioroni zwingt den Betrachter, den Umgang mit Freiheit und Gewalt, eigenem Nachdenken und medialen Fütterungszeiten, Liebe und Tod, Ich und Außenwelt selbst zu bestimmen – und provoziert so den Unmut der Zuschauer, die ganz offenbar Leichtverdauliches bevorzugen und zeitgemäße Deutungen nur im Boulevardformat ertragen. Dem Osnabrücker Publikum ist insofern der Vorwurf selbstgewählter Unmüdigkeit zu machen – allerdings noch nicht der provinzieller Engstirnigkeit, denn ob Fioronis Sicht der Dinge in der Hauptstadt auf mehr Gegenliebe stößt, bleibt vorerst abzuwarten.
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