| "Wiener Blut-Bad" überschrieb die PR-Abteilung ihrer Plattenfirma die Vorberichterstattung zur neuen CD von Mitsuko Uchida. Und auch wenn distinguierte Musikliebhaber derart reißerische Schlagzeilen für durchaus unpassend halten mögen - den Kern dieser Uchida-Produktion treffen sie sehr viel genauer als sensitive Analysen ihres unvergleichlichen Anschlags. Obwohl der natürlich auch beim Besuch der Zweiten Wiener Schule eine gewichtige Rolle spielt. Mit ungeheurer Präzision und beispiellosem Einfühlungsvermögen demonstriert Mitsuko Uchida die Modernität von Schönberg, Berg und Webern, deren bahnbrechende, die Musikgeschichte revolutionierenden Werke auch nach einem knappen Jahrhundert noch als radikaler Bruch mit bewährten Traditionen und eingeübten Hörgewohnheiten wahrgenommen werden.
Die gefeierte Mozart- und Debussy-Interpretin zelebriert aber nicht nur diese Bruchstellen, die sich in Schönbergs legendären "Klavierstücken op.9" zur unwiderruflichen Absage an die Tonalität auswachsen. Sie zeigt - etwa in Schönbergs "Klavierkonzert op.42", das vom Cleveland Orchestra unter Pierre Boulez kongenial begleitet wird, oder in Berg früher "Sonate op.1" - auch sehr deutlich, dass die Neutöner ohne die musikalischen Errungenschaften vergangener Jahrhunderte undenkbar wären. Fazit: dies ist ein Wiener Blut-Bad, doch man kann der Täterin nicht vorwerfen, dass sie den Ort des Geschehens unaufgeräumt zurückgelassen hätte. Wer "zeitgenössische" Musik auf höchstem Niveau erleben möchte, sollte sich diese CD auf gar keinen Fall entgehen lassen!
Schönberg: Klavierkonzert op,42, Drei Klavierstücke op.11, Sechs kleine klavierstücke op.19; Webern: Variationen op.27; Berg: Klaviersonate op.1, Philips
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