| Dass nicht allzu viele deutsche Künstler des 20. Jahrhunderts mit Begriffen wie "Politisches Bewußtsein" oder "Zivilcourage" etwas anfangen konnten, ist eine leidige Tatsache. Beispiel Hans Pfitzner: Seine unverhohlene und frühzeitige Sympathie für den Nationalsozialismus hat nicht nur die Person, sondern auch das Werk ins Zwielicht gesetzt. Insbesondere die Umbenennung der großangelegten Kantate aus dem Jahr 1921, die ursprünglich "Eichendorffiana" heißen sollte und dann den Titel "Von deutscher Seele" bekam, sorgt bis heute für Diskussionen. Wahrlich nicht zu Unrecht, und doch gilt es zu bedenken, dass Pfitzner als Textgrundlage keine Beiträge Adolf Hitlers, sondern tatsächlich Gedichte des Freiherrn Joseph von Eichendorff wählte. Aber der Fall Pfitzner ist nicht nur politisch, sondern auch künstlerisch umstritten. Seine epigonalen Rückzugsgefechte in die Gefilde der Spätromantik mußten schon im Entstehungsjahr eher peinliche Gefühle auslösen.
Heute kann man das Werk wohl nur noch als verspätete Bilanz einer Epoche und Beweis dafür betrachten, dass sich die Musikgeschichte auf diesen Wegen nicht weiterentwickeln konnte. Solch kritische Einwände ändern nichts daran, dass die Neueinspielung der Kantate "Von deutscher Seele" rundum gelungen ist. Unter der Leitung von Martin Sieghart laufen die Wiener Philharmoniker und der Wiener Singverein zur Höchstform auf. Eben das gilt auch für die Solisten Gabriele Fontana, Barbara Hölzl, Glenn Winslade und Robert Holl. Ob eine Wiederbelebung des Werkes so erreicht werden oder auch nur gewünscht sein kann, bleibt dem Ergebnis der weiteren Beschäftigung mit Leben und Werk Hans Pfitzners vorbehalten.
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