| Was auf den ersten Blick wie eine demonstrative Absage an den avantgardistischen Regiestil der 70er Jahre aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ebenso sensible wie aufregende Rigoletto-Inszenierung. John Dexter ging es nicht um das opulente Arrangement eines bloßen Kostümdramas, er entwarf ein faszinierendes Vexierspiel zwischen Innen- und Außenwelt und konfrontierte das Publikum mit der schwierigen Frage, warum hier jeder Versuch, rational und kalkuliert zu handeln, in den Sog überschäumender Emotionen und damit außer Kontrolle gerät.
Dexters brillante Idee, das optische Erscheinungsbild der Inszenierung an den rätselhaften Werken des Malers Giorgione, eines Meisters der venezianischen Hochrenaissance, zu orientieren, fand in der Stabführung von James Levine seine musikalische Entsprechung. Mit lauernden Tempi umspielte er die fantastischen Gesangssolisten, die vollständig in ihrer Rolle aufgingen. Der stimmgewaltige Cornell MacNeil, der die Leiden Rigolettos auch gestisch und mimisch eindrucksvoll nachzeichnete, riss das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Tosenden Beifall gab es für Ileana Cotrubas, die Gilda mit ihrem lupenreinen, klar konturierten Sopran ein erfreulich eigenständiges Profil verlieh. Und auch der junge Plácido Domingo wurde gebührend gefeiert. Obwohl er mit dem nicht eben komplexen Charakter des Herzogs von Mantua nach eigenem Bekunden zeitlebens Schwierigkeiten hatte, tat er genau das, was ein Jahrhunderttenor in diesen zwei Stunden tun sollte. Der Live-Mitschnitt dieser herausragenden Produktion entstand am 7. November 1977. Auf die optische und akustische Qualität hat das erfreulicherweise keinen nennenswerten Einfluss.
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