| Ob es dem hypertrophen Selbstverständnis mancher Großkritiker oder der journalistischen Dutzendware geschuldet ist, die tagtäglich von den Redaktionen ausgeliefert wird – Zeit ihres Bestehens ist die Theaterkritik ähnlich häufig ins Zentrum kontroverser Auseinandersetzungen gerückt wie die Objekte ihrer vordringlichen Begierde. Eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung des eigenwilligen und in vielem grenzüberschreitenden Phänomens steht gleichwohl aus – auch wenn einzelne herausragende Akteure immer wieder in den Blickpunkt des publizistischen Interesse gerieten und von Adamski und Schöne zuletzt eingehende Epochendarstellungen (der Weimarer Republik) vorgelegt wurden.
Der nun bei Francke erschienene Band, der die Erkenntnisse einer Ringvorlesung und eines Symposiums an der Universität Mainz versammelt, füllt diese Lücke umso sinnvoller, als die Beiträge die verschlungenen Wege der Theaterkritik von der griechischen Antike bis zu Werner Schwab verfolgen und so erhellende Schlaglichter auf wichtige Protagonisten und Stationen des immer komplexer werdenden geistigen Austauschs werfen. Gut möglich also, dass sich nun an den Kritikern die von Ludwik Flazen ursprünglich für Dichter reservierte Hoffnung vollstreckt, „daß sich diese ganze Chirurgie im Endergebnis bezahlt macht, dass man aus lebenden Autoren Potenzen herausholt, den exhumierten aber wiederbelebende Wangenröte auflegt.“
Aus der Vielzahl konziser Studien, die den Überlegungen von Lessing, Schiller und Kleist, Tieck, Hebbel und Fontane, Ihering und Hart gewidmet sind und daneben spannende Blicke über den Tellerrand zu Elizabeth Inchbald und Leigh Hunt, Anatolij Lunacarskij oder Eugene Ionesco riskieren, entsteht freilich keine lineare Darstellung. Bernhard Spies zeigt in seinem klugen Essay über „Lessings kritische Bemühungen um die Komödie“, wie der Diskurs über literarische Gattungen und Bühnenrealitäten schon beim Nestor der deutschen Kritiker von Wirkungsidealen modelliert wird, gleichzeitig aber auch das Potenzial enthält, eigene Maßstäbe immer wieder neu zu überdenken und zu revidieren.
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