| Amüsant und überraschend ist vor allem die Offenheit, mit der der Autor ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, über die verschiedensten sexuellen Orientierungen und ihre jeweiligen Praktiken schreibt. Armistead Maupins Schilderungen sind jedoch nie pornographisch. Der Blick ist zwar voyeuristisch, aber stets zärtlich und selbstironisch. Die Suche nach Sex ist gleichzeitig auch eine Suche nach Liebe. Ohne Vorurteile wird der Geschlechterkampf persifliert, indem die Geschlechter schon mal die Rollen tauschen. Da entpuppt sich die Hausmutter als ehemaliger Mann; die transsexuelle Lebensform und das in jeder Weise Anderssein wird als Lebenslust gefeiert. Doch es geht auch ernst zu in den Geschichten. Anders zu sein, heißt auch, angefeindet zu werden. Vor allem das Leben des homosexuellen Michael Tolliver wird durch die Verbreitung von Aids und deren fatale Auswirkungen beeinflusst. Er muss nicht nur lernen, Lebenspartner und Freunde zu verlieren, sondern schließlich auch selbst mit dem Virus zu leben.
Armistead Maupins Stadtgeschichten erschienen gesammelt in Buchform ab 1993 auch in deutscher Sprache. Die sechs Bände "Stadtgeschichten" wurden schnell zum absoluten Kult, der die Leser nicht mehr losließ. Wer einmal angefangen hat, wird das Buch erst im Morgengrauen aus der Hand legen. Kaum ist ein Band verschlungen, muss der Nächste her. Das Lesen ist das reinste, pure Vergnügen. Der Titel des nun auf Deutsch bei Rowohlt erschienenen siebten Bandes könnte nicht besser gewählt sein: Es ist ein begeisterter Ausruf: Michael Tolliver lebt! Armistead Maupin lebt! Die Stadtgeschichten leben! Das Leseglück lebt!
Im Mittelpunkt des Romans steht der inzwischen gealterte Michael Tolliver, der gelernt hat, mit der Aids-Krankheit und dem drohenden Tod zu leben und versucht, jeden Tag wie seinen letzten zu zelebrieren. Neben den gewohnt pikanten Einblicken in das sexuelle Leben des Protagonisten, sticht auch in diesem Roman die beißende Kritik an der US-amerikanischen Gesellschaft und Politik hervor. Besonders das Homosexuellen-feindliche Gebaren des amtierenden Präsidenten George W. Bush, aber auch der Irak-Krieg, werden dabei mit deutlichen Worten kommentiert. Und wieder begeistert beim Lesen die Wärme, mit der Maupin seine literarischen Gestalten zusammenbringt. So wie sich die Figuren an ihre gemeinsame Vergangenheit erinnern, schwelgt auch der Leser in der Erinnerung an die "Stadtgeschichten", die man wirklich immer und immer wieder lesen kann und sollte.
Armistead Maupin: Michael Tolliver lebt. Die neuesten Stadtgeschichten, Rowohlt, 19,90 €
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