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Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion SWO: Gastbeitrag von Jessica Kewitz

Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion

Gastbeiträge | Jessica Kewitz über

Jane Austen: Kloster Northanger

Das Romanwerk der englischen Schriftstellerin Jane Austen (1775-1817) fesselt durch tiefgründige Charakterzeichnungen der Protagonisten - besonders der weiblichen -, die im gesellschaftlichen Umfeld des Landadels und des Großbürgertums des beginnenden 19. Jahrhunderts ihre moralische Entsprechung suchen, welche sie nach Überwindung von geschickt komponierten Hindernissen auch finden. Auszeichnendes Element der Autorin ist Wortwitz und Ironie, mit der sie ihre gesellschaftliche Kritik treffend und amüsant einfängt. Nicht zuletzt daraus entsteht das Phänomen, welches eingefleischte Austen-Leser und Leserinnen kennen: Kaum auf den letzten Seiten eines ihrer Romane angekommen, möchte man am liebsten wieder von vorne anfangen oder besser: gleich den nächsten Roman verschlingen.

Mit der neuen Übersetzung von „Kloster Northanger“, dem ersten Roman der Autorin, den sie im Alter von 20 Jahren schrieb und der erst posthum 1818 veröffentlicht wurde, kann diesem Wunsch nun nachgekommen werden. So folgt die Leserschaft der unschuldig-naiven siebzehnjährigen Catherine Morland zunächst mit dem alternden Ehepaar Allen in den Badeort Bath, wo sie den Übergang zwischen dem dörflich behüteten Elternhaus in die oberflächliche, auf Amüsement ausgerichtete Atmosphäre der hohen Gesellschaft zwischen Tanz, falscher Freundschaft, Modefragen und Hochmut – allesamt vereinigt in dem aufdringlich exaltierten Geschwisterpaar Isabella und John Thorpe - durchleben muss, bis sie schließlich mit der als Gegenpart fungierenden Familie Tilney zu deren Besitz Northanger – einem ehemaligen Kloster - aufbricht. Dort will sie nicht nur der Tochter Eleanor eine gute Freundin sein, sondern auch das Herz des Sohnes Henry erobern und hinter das Geheimnis des despotischen Vaters General Tilney kommen, dass sie innerhalb der finsteren Mauern des alten Gebäudes vermutet.

Dank des hervorragenden Nachwortes von Christian Grawe erschließt sich der Leserschaft die weitreichende Anlage dieses Romans, der eine Parodie auf die zur Entstehungszeit populäre gotische Schauerliteratur und die sentimentalen Frauenromane sein soll und sich zu einem Plädoyer für einen neuen Romantyp, der sich unmittelbar mit der Lebenswelt und moralischen Entwicklung der Menschen auseinandersetzt, entwickelt, wie die Autorin ihn später etwa in ihren Romanen „Verstand und Gefühl“ (1811) oder „Emma“ (1816) auf brillanteste Weise umsetzte. So ist „Kloster Northanger“ gespickt mit zeitgenössischen Anspielungen, die durch die aufschlussreichen Anmerkungen der Herausgeber der heutigen Leserschaft das Verständnis ermöglichen. Und auch wenn der Roman im Vergleich zu den späteren Werken an manchen Stellen Geschlossenheit und Tiefgang vermissen lässt, ist er ein empfehlenswertes Lesevergnügen – nicht nur für die ohnehin schon besessenen Fans der Autorin.

Jane Austen: Kloster Northanger, Reclam, 7,10 €

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