| Nach der sexuellen Befreiung und der Studentenrevolution, nach dem heißen Herbst und all den Sitzblockaden vor Kernkraftwerken gönnten sich die erschöpften Intellektuellen Mitte der 80er Jahre einen Schmusekurs mit der Bundesrepublik. Was wenige Jahre zuvor als geistige Bankrotterklärung gegolten hätte, wurde plötzlich zur ironischen Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit und befriedigte gleichzeitig die lange unterdrückte Sehnsucht nach – wenn auch zwielichtigen – Vorbildern. Die Fernsehserie „Kir Royal“, die der High Society auf den Pelz rückte und sie gleichzeitig der Lächerlichkeit preisgab, kam da zur rechten Zeit. Sie vereinte die Widersprüche zu einem gigantischen Erfolg und machte ihren widerborstigen Hauptdarsteller über Nacht zum Superstar.
Als Klatschreporter Baby Schimmerlos faszinierte Franz Xaver Kroetz ein Millionenpublikum, doch die Wenigsten wussten, wen sie da vor sich hatten. Kroetz, der Dramatiker, Kroetz, der DKP-Aktivist, Kroetz, der Provokateur und scharfzüngige Gesellschaftskritiker – sie alle verschwanden in den nicht gerade geist- aber doch harmlosen Geschichten aus der Welt der Schönen und Reichen. Ihr TV-Beobachter Kroetz war konsequent und ging noch einen Schritt weiter – zur Überraschung früherer Weggefährten heuerte er zeitweise bei der Bild-Zeitung an. Zum 60. Geburtstag am 25. Februar soll der Schriftsteller nun aber wieder im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen. Neben der skurrilen Kurzgeschichten-Sammlung „Blut und Bier. 15 ungewaschene Stories“ erscheint im Rotbuch-Verlag eine zehnbändige Ausgabe seiner Bühnenwerke. Im Juni wird am Münchner Residenztheater außerdem sein neuestes Stück „TV-Massaker“ uraufgeführt.
weiter bitte
zurück zur Übersicht bitte | |