| Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion
Virtuelles Doppelleben
Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg zeigt Ibsens Jugenddrama "Die Helden von Helgeland" – auf der Bühne und in der Online-Welt "Second Life"
Erstveröffentlichung: Rheinischer Merkur
Nur auf den Monitoren ist die Welt noch so, wie sie sein sollte: Eine idyllische Insel liegt inmitten des tiefblauen Meeres, und während unten im Hafen ein Wikingerschiff ankert, schreiten imposante Gestalten über die grünen Auen. Diesseits der Bildschirme hat sich derweil die ernüchternde Realität breitgemacht: Frustrierte Zeitgenossen lungern vor Computern herum und versuchen, die immer gleichen Probleme in den Griff zu bekommen. Gegen all ihre Beziehungskrisen, Identitätsstörungen und mentalen Fehlfunktionen hilft nur noch ein kompletter Neustart nebst alternativer Lebensplanung. Roger Vontobel gönnt ihnen beides. In seiner spektakulären Neuinszenierung von Henrik Ibsens Jugenddrama „Die Helden von Helgeland“ („Nordische Heerfahrt“) schickt er die Menschen in die virtuelle Umgebung des „Second Life“, um hier nach alter Größe und neuen Aufgaben zu fahnden..
Recken in Höchstform
Wer den großen norwegischen Dichter vorwiegend mit bahnbrechenden Theaterstücken wie „Nora“, „Gespenster“ oder „Die Wildente“ in Verbindung bringt, tut gut daran, dieses Vorwissen für einen Moment beiseite zu lassen. Denn in Ibsens Wikinger-Drama spielt psychologisches Feingefühl zunächst keine große Rolle: Oernulf braucht eine Hütte für seine „steifgefrornen Mannen“ - Sigurd sucht Obdach für ein „müdes Weib“ und beschwört einen veritablen Interessenkonflikt herauf. Oernulf: „Meine Mannen sind mehr wert als deine Weiber!“. Sigurd: „Dann müssen auf Helgeland Geächtete hoch im Preise stehen.“ Es dauert keine 60 Sekunden, bis die Helden von Helgeland zum ersten Mal die Waffen sprechen lassen. Doch das Schwerterrasseln ist bloß der Auftakt zu einer langen Mordserie, die nur deshalb nicht beispiellos genannt werden kann, weil Ibsen seinen Stoff der Völsungensage entlehnt hat und das blutige Geschehen zahlreiche Parallelen mit dem bekannteren Nibelungen-Mythos aufweist. Hier wie dort wird die stolze Jungfrau Opfer eines männlichen Ränkespiels: Die Heldentat, die der Eroberung von Hjördis/Brünnhilde obligatorisch vorangehen muss, vollbringt nicht der später angetraute Gatte Gunnar/Gunther, sondern der physisch offenbar leistungsfähigere Hausfreund Sigurd/Siegfried. Die Rache der betrogenen Walküre ist im einen Fall so gnadenlos wie im anderen, und so bleibt den schlagkräftigen Recken am Ende nur ein Ehrenplatz in Wallhall.
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