| [ "Erstveröffentlichung: Rheinischer Merkur" ]
Johann Sebastian Bach legte fast 450 Kilometer zurück, um Dieterich Buxtehude spielen zu hören. Heute weiß niemand mehr, wie der berühmte Organist und Komponist, der vor 300 Jahren in Lübeck starb, ausgesehen hat. Viele seiner Werke sind für immer verschollen, doch die erhaltenen zeugen von einem Jahrhundertgenie.
Im Herbst 1705 genehmigte das Konsistorium der Gemeinde Arnstadt seinem Organisten Johann Sebastian Bach einen vierwöchigen Bildungsurlaub. Den 20jährigen zog es nach Lübeck, wo er den seinerzeit ungleich berühmteren Dieterich Buxtehude sehen und „behorchen“ wollte. Bach legte fast 450 Kilometer zurück – „und zwar zu Fusse“, wie zeitgenössische Quellen betonen. Der Aufwand schien sich gelohnt zu haben, denn die Arnstädter sahen ihren Orgelvirtuosen erst drei Monate später wieder. Als Bach erneut auf der Empore Platz genommen hatte, mussten sie allerdings feststellen, dass er plötzlich „wunderliche variationes“ und „viele frembde Thone“ in seine Choralbegleitungen einfließen ließ. Von der offiziellen Rüge wegen erwiesener Nachlässigkeit im Dienst ließ sich der Gescholtene jedoch nicht beirren. Die Reise nach Lübeck blieb ihm noch lange im Gedächtnis, und Buxtehude inspirierte - von der frühen Kantate „Christ lag in Todes Banden“ bis zur gut zwei Jahrzehnte später komponierten Motette „Jesu, meine Freude“ - eine lange Reihe musikalischer Meisterwerke.
Johann Sebastian Bach war nicht der einzige Zeitgenosse, den der Organist von St. Marien in seinen Bann zog. Die Kollegen Georg Friedrich Händel und Johann Mattheson ließen sich ebenfalls in Lübeck sehen. Buxtehudes Ruhm verbreitete sich in ganz Norddeutschland und weiten Teilen des Ostseeraums, so dass der Lübecker Stadtführer von 1697 ihn ohne falsche Bescheidenheit als „Welt-berühmten Organisten und Komponisten“ präsentieren konnte.
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