| Dass Schuldfragen nicht nur auf kriminalistischem oder juristischem Wege zu lösen sind, wussten schon die großen Dichter der Antike, die – wie Aischylos in den „Persern“ – einen glorreichen Sieg aus der Perspektive der Geschlagenen betrachteten oder – wie Sophokles im „König Ödipus“ – den ahnungslosen Mörder selbst auf die Suche nach einem vermeintlich hinterhältigen Verbrecher schickten.
Philippe Claudel verbindet in seiner Geschichte, die Ende 1917 in einem kleinen französischen Dorf ihren unheilvollen Anfang nimmt, gleich mehrere Versuche, die Urheber grauenhafter, unmenschlicher Taten ausfindig zu machen. Doch während der Erzähler bemüht ist, dem Mörder der zehnjährigen Belle de Jour auf die Schliche zu kommen, herauszufinden, warum die liebenswerte Lehrerin Lysia Verhareine Selbstmord begangen hat und ein bretonischer Deserteur misshandelt, gefoltert und hingerichtet wurde, enthüllen sich ihm (und den Lesern) die eigenen schuldhaften Verfehlungen in immer erschreckenderem Ausmaß. Die Frontlinie des 1. Weltkrieges, die unweit des Dorfes verläuft, erweist sich nunmehr als rein virtuelle Grenze: Hartherzigkeit, Hass, Gewalt und Mord haben auch die vermeintlich zivile Welt kontaminiert, Soldaten und Bürger irren gleichermaßen blind durch moralisches Niemandsland. Nüchtern, aber nie teilnahmslos entwirft Claudel beunruhigende Szenen, die sich immer wieder zu eindringlichen Bildern von selten gewordener Symbolkraft verdichten. Sein sechster Roman wurde in Frankreich 2003 als literarische Sensation gefeiert und mit dem renommierten Prix Renaudot ausgezeichnet. Das außergewöhnliche Werk liegt jetzt in einer stilsicheren Übersetzung von Christiane Seiler vor und dürfte auch hierzulande für Furore sorgen.
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