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Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion SWO über Hugo von Hofmannsthal: Die scheue Schönhe

Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion

Ingrid Allwardt: Die Stimme der Diotima



Schon der Titel dieses kleinen, mit sommerlichen Gustav Klimt-Blumen dekorierten Lyrikbandes beschwört eine aufregende Distanz zur Erlebniswelt des 21. Jahrhunderts. Die Jugend, der Hugo von Hofmannsthal seine Stimme leiht, ist – im Vergleich zu den Jüngern eines Stuckrad-Barre - weder laut noch aufdringlich, sie ist nicht medienwirksam, und ihr Interesse an Geld, Macht und Events tendiert gegen Null. „Frühgereift und zart und traurig“ kokettiert die im Umkreis des Fin de siècle aufwachsende Generation mit immer neuen Facetten der eigenen Innenwelt, spürt den entlegensten Vibrationen verwickelter Nervenbahnen nach und beobachtet mit atemloser Spannung wie sich „Geisterhände in versperrtem Raum“ bewegen.

Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion SWO Hugo von Hofmannsthal: Die scheue Schönheit kleiner Dinge

Trotzdem ist sie vor Selbstüberschätzung nicht gefeit. Das belegt kaum ein Beispiel so eindrucksvoll wie das des literarischen Wunderknaben Hugo von Hofmannsthal, der alles gesehen und alles verstanden haben will. Er philosophiert über Tod und Vergänglichkeit, Sein und Zeit, Liebe und Leben und maskiert sich bei der Gelegenheit immer wieder mit einer skurrilen Altersweisheit. 1891, Hofmannsthal ist gerade 17 Jahre alt, beginnt er das Gedicht „Erfahrung“ mit den Zeilen:
„Ich kann so gut verstehen die ungetreuen Frauen,
So gut, mir ist, als könnt ich ihre Seelen schauen.
Ich seh um ihre Stirnen die stumme Klage schweben,
Die Qual am langen, leeren, am lebenleeren Leben.“
Abgesehen von diesen psychologisch interessanten Nebeneffekten versammelt der Band einige der schönsten Gedichte, die Ende des 19. Jahrhunderts in deutscher Sprache geschrieben wurde. Auch wenn sie bisweilen an „Glut und Glanz und Duft“ zu verbleichen drohen, haftet ihnen jene Aura des Wunderbaren an, die einem untergegangenen Zeitalter das künstlerische Überleben sichert.
Bei der Gliederung in unterschiedliche Themengebiete hatte die Herausgeberin Dorothea Tetzeli von Rosador eine ebenso glückliche Hand wie bei der Textauswahl, die sinnvoller Weise auch lyrische Passagen aus Dramen und Opernlibretti, die in späteren Schaffensphasen entstanden, einbezieht.

Hugo von Hofmannsthal: Die scheue Schönheit kleiner Dinge, dtv, 7, 50 €

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