| Über Friedrich Hölderlin und Luigi Nono ist viel geredet und geschrieben, aber nur selten so Kluges, Geistreiches und Einfühlsames mitgeteilt worden wie auf diesen knapp 200 Seiten. Was Hölderlin schweigen und Nono verstummen lässt, macht Ingrid Allwardt zum Gegenstand einer interdisziplinären Kunstbetrachtung, die ihrerseits ästhetische Qualitäten gewinnt und obendrein noch den Vorzug aufweist, die Leser und Hörer als Teil des Schaffens- und Gestaltungsprozesses zu integrieren.
Allwarths Ausgangsthese begreift die von Dichter und Komponist umschwärmte Diotima als polyphones Gefüge und nicht als konkretes Bild. Unter dieser Voraussetzung wird deutlich, wie Hölderlins Roman „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“ (1799) und Nonos Streichquartett „Fragmente – Stille, An Diotima“ (1980) in einer beispiellosen, die Jahrhunderte übergreifenden Zusammenarbeit eine mit dem Namen Diotima nur scheinbar identifizierte Leerstelle inszenieren können, „an der Denkmodelle von Linearität und Kausabilität kollabieren.“ Allwardts ambitionierter Versuch, das Unbeschreibbare in Worte zu fassen, durchbricht das selbstgewählte Sprachgefängnis kulturgeschichtlicher Laborversuche und lässt erahnen, wie es der Kunst gelingen kann, aus „zirkulierenden, schweigenden Stimmen eine paradoxe Vielstimmigkeit“ zu intonieren.
Ingrid Allwardt: Die Stimme der Diotima. Friedrich Hölderlin und Luigi Nono, Kadmos, 22,50 €
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