| Unter dem Druck der Begriffe Pflichtlektüre und Allgemeinbildung degeneriert die lodernde Flamme des Augenblicks mitunter zum flackernden Teelicht. Doch im Falle Lessing kann sie sich immer wieder neu entzünden, da die Nachwelt ihn nicht nur als einen der bedeutendsten Dichter des 18. Jahrhunderts, sondern gleichzeitig als einen der schärfsten Kritiker der Dichtkunst betrachten muss. Insofern ist die isolierte Betrachtung seiner berühmten Dramen „Minna von Barnhelm“, „Emilia Galotti“ oder „Nathan der Weise, wie sie von Verlagen, Lehrplänen und zwangsläufig auch von den Musentempeln dieser Republik betrieben wird, durchaus ungeeignet, das Gesamtphänomen Lessing und seine Bedeutung für das 21. Jahrhundert umfassend zu würdigen.
Eben das gelingt nun aber einer dreibändigen Werkausgabe, die auf der Hanser-Edition aus dem Jahr 1982 basiert und die wichtigsten Arbeiten des unerschrockenen Aufklärers auf rund 2.500 Seiten versammelt. Die drei Bände erheben selbstredend keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wer gewohnt ist, mit historisch-kritischen Texteditionen zu arbeiten, darf sich hier ebenfalls falsch verbunden fühlen. Trotzdem gewährt die Auswahl seiner Fabeln, Gedichte und Dramen, kunsttheoretischen, theologischen und philosophischen Schriften, der Literaturkritiken und philologischen Notizen einen faszinierenden Einblick in eine Epoche, die das Prädikat „Aufklärung“ wenigstens in geistiger und kultureller Hinsicht noch so sehr verdiente, dass vermutlich niemand auf den Gedanken gekommen wäre, eine Dialektik derselben zu schreiben. Auf der anderen Seite bringt sie uns einen Menschen näher, der durch seine schnörkellose Rationalität und eine bis heute bewegende, weil aufrichtig empfundene und nicht pädagogisch andressierte Toleranz noch immer tiefe Spuren in geistigen und emotionalen Entwicklungsgeschichten hinterlassen kann. Dass er gleichzeitig vorschnell urteilen und sogar ungerecht und jähzornig sein konnte – wie beispielsweise die „Hamburgische Dramaturgie“ recht eindrucksvoll beweist – macht diese Seiten seines Wesens nur menschlicher und also nachvollziehbarer.
Für wen ich singe
Ich singe nicht für kleine Knaben, Die voller Stolz zur Schule gehn, Und den Ovid in Händen haben, Den ihre Lehrer nicht verstehn.
Ich singe nicht für euch, ihr Richter, Die ihr voll spitzger Gründlichkeit Ein unerträglich Joch dem Dichter, Und euch die Muster selber seid.
Ich singe nicht den kühnen Geistern, Die nur Homer und Milton reizt; Weil man den unerschöpften Meistern Die Lorbeern nur umsonst begeizt.
Ich singe nicht, durch Stolz gedrungen, Für dich, mein deutsches Vaterland. Ich fürchte jene Lästerzungen, Die dich bis an den Pol verbannt.
Ich singe nicht für fremde Reiche. Wie käm mir solch ein Ehrgeiz ein? Das sind verwegne Autorstreiche. Ich mag nicht übersetzet sein.
Ich singe nicht für fromme Schwestern, Die nie der Liebe Reiz gewinnt, Die, wenn wir munter singen, lästern, Daß wir nicht alle Schmolken sind.
Ich singe nur für euch, ihr Brüder, Die ihr den Wein erhebt, wie ich. Für euch, für euch sind meine Lieder. Singt ihr sie nach: o Glück für mich!
Ich singe nur für meine Schöne, O muntre Phyllis, nur für dich. Für dich, für dich sind meine Töne. Stehn sie dir an, so küsse mich.
Gotthold Ephraim Lessing: Werke in drei Bänden, 3 Bde., dtv, 59 €
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