| Mit einem neuen Handbuch zu dieser einst viel diskutierten Epoche deutscher Literaturgeschichte musste zum momentanen Zeitpunkt niemand rechnen. Denn der Autor stellt im „Forschungsbericht“ überschriebenen Kapitel durchaus zu Recht fest, „dass das Interesse an der Literatur des Naturalismus merklich nachgelassen hat“. Bunzel führt diesen Umstand vor allem auf einen „Ansehensverlust sozial und politisch engagierter Literatur“ zurück und wenn man nur an den Popularitätsverlust eines Bertolt Brecht oder Heiner Müller denkt, liegt er aller Voraussicht nach auch mit dieser These richtig.
Der Leiter der Brentano-Redaktion im Freien deutschen Hochstift analysiert nun die historischen, sozialgeschichtlichen und kulturellen Ausgangspunkte des Naturalismus, wirft reizvolle Seitenblicke auf den lange unbeachteten Aspekt der Intermedialität und schreitet die bekannten Pfade – ästhetische respektive literarische Vorbilder inner- und außerhalb Deutschlands – ab. Doch Bunzel wagt mehr: Mit sechs Einzelanalysen stellt er „repräsentative Werke“ der Epoche vor, wohl wissend, dass ein solches Unternehmen so lange zu Scheitern verurteilt ist, wie irgend jemand halbwegs überzeugend behaupten kann, Hauptmanns „Rose Bernd“ eigne sich zu diesem Zweck ebenso gut wie „Vor Sonnenaufgang“, in Otto Erich Hartlebens Dramen bündele sich mehr Zeitgeschehen als in denen des Johannes Schlaf usw. usf.
Umso lobenswerter erscheint da Bunzels Entscheidung, nicht nur die vermeintlichen Klassiker einer aktualisierten Deutung zu unterziehen, sondern daneben reizvollem, aus schwer definierbaren Ursachen vergessenem Dichtwerk eine neue Chance zu geben. Max Kretzers auch heute noch höchst lesbarer Roman „Meister Timpe“ und Max Halbes ebenso ereignisreiches wie spannungsgeladenes Drama „Eisgang“ haben lange genug auf eine solche Chance gewartet. Und der „Ansehensverlust sozial und politisch engagierter Literatur“ ist ja selbst nur Teil einer ihrerseits vorübergehenden Epoche.
Wolfgang Bunzel: Einführung in die Literatur des Naturalismus, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 14,90 €
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