| Theodor W. Adornos Diktum, nach Auschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben, ist durch die Literaturgeschichte der vergangenen sechs Jahrzehnte praktisch widerlegt worden. De facto bemühten sich zahllose Autorinnen und Autoren, "das Unfassbare" literarisch zu fixieren - nicht nur in lyrischer Form und Sprache, sondern auch und vor allem in Prosatexten, die bis ins Zentrum des grausamen Geschehens vorzudringen suchten.
Der Schriftsteller und Journalist Friedrich Torberg, der vor 100 Jahren in Wien geboren wurde und von der Öffentlichkeit bereits vergessen war, als er 1979 starb, näherte sich dem Thema auf ganz andere Weise als seine berühmten Kollegen und Zeitgenossen Anna Seghers ("Das siebte Kreuz), Erich Maria Remarque ("Der Funke Leben") oder auch Imre Kertész ("Roman eines Schicksallosen").
Torberg, der 1939/40 über die Schweiz, Frankreich, Spanien und Portugal in die USA emigrierte und bis dahin zumeist nicht den Eindruck eines politisch interessierten Schriftstellers gemacht hatte, wählte die Novelle, um auf knapp 70 Seiten das Leben in einem deutschen Konzentrationslager zu beschreiben. Sein Erzähler berichtet darin ganz im Sinne Goethes "eine unerhörte Begebenheit", die sich im fiktionalen Lager Heidenburg (Vorbild war vermutlich das KZ Esterwegen) zuträgt. Hier versucht der neue Kommandant Wagenseil, den Vernichtungsbefehl gegen das Weltjudentum an 80 Häftlingen zu exekutieren, die sich nach und nach seinen ausgefeilten psychologischen und physischen Foltermethoden unterwerfen müssen.
Das Torbergs Novelle zu keiner Geschichte wird, "die man nur so zum Zeitvertreib erzählen und zum Zeitvertreib mit anhören kann", liegt vor allem daran, dass sie in dieser schier auswegslosen Situation die Frage nach einer Neubesetzung von Opfer- und Täterrollen stellt und auf überraschende Weise beantwortet. Denn als der Erzähler in Wagenseils Fänge gerät, beginnt sein Weltbild unter dem Druck der täglichen Misshandlungen zu wanken, bis auch die biblischen Heilsversprechen in einem völlig neuen Licht erscheinen.
Der Misshandelte holt in äußerster Not zum Gegenschlag aus, doch seine "Rache" zieht neue Gewalttaten nach sich. Das seinerzeit viel diskutierte Ende dieses Dramas gehört zweifellos zu schillerndsten Abschlüssen in der deutschsprachigen Erzählliteratur des 20. Jahrhunderts. Nicht nur Erich Maria Remarque las hier "eine der aufregendsten Endzeilen, die ich kenne", auch wenn Torberg selbst weder eine "Superpointe" noch einen "literarischen Knalleffekt" beabsichtigt hatte.
Der kurze Text, der zuerst 1943 in Los Angeles erschien und nun in einer von Marcel Atze sorgfältigen kommentierten Neuausgabe vorliegt, besticht durch seine brillante Komposition und kühle, völlig unsentimentale Prägnanz, die es nachfolgenden Generationen möglich machen sollte, die Dimensionen des Holocausts, die sich neben der physischen Zerstörung auf die Vernichtung des Lebenswillens und jeglicher Solidarität erstreckten, anschaulich nachzuvollziehen. Folglich eignet sich "Mein ist die Rache" auch und besonders für eine Behandlung im Schulunterricht, der in den vergangenen Jahren nicht übermäßig erfolgreich war, wenn es darum ging, junge Menschen mit diesem Thema zu konfrontieren.
Friedrich Torberg: Mein ist die Rache, dtv, 7,90 €
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