| In der Jazzmusik bezeichnen Blue Notes die verminderten Töne des tonalen Systems, die dem Blues seinen unverwechselbaren Klang verleihen. Was da - oft in der verwirrenden Gestalt einer Doppelterz - durch den Raum schwebt, muss nicht einmal schriftlich fixiert werden, denn die Spieler verlassen sich auf ihr Gehör und entscheiden im Idealfall ebenso spontan wie zielsicher über den Einsatz der Blue Notes.
Der Titel der deutschsprachigen Ausgabe des Romans von Yann Apperry ist insofern gut gewählt, als der Protagonist Moe Insanguine über genau jenes absolute Gehör verfügt, das ihn in die Lage versetzt, alle Haupt-, Neben- und Zwischentöne mit untrüglichem Gespür zu identifizieren. Allerdings bezahlt Moe die außergewöhnliche musikalische Begabung mit dramatischen persönlichen Verlusten. In der Nacht seiner Geburt sterben Mutter und Großvater, der Vater verfällt dem Alkohol, und auch der Orgel spielende Mentor erweist sich bisweilen als problematischer Umgang. Immer wieder wird Moe so auf sich selbst, die asoziale, am Ende mörderische Seite seines Wesens und eine seltene, kaum beherrschbare Begabung zurückgeworfen, was wiederum dafür gesprochen hätte, den französischen Originaltitel „Diabolus in musica“ beizubehalten. Unter beiden Überschriften erzählt der 1972 geborene Autor, der für diesen Roman mit dem Prix Médicis ausgezeichnet wurde, eine wenig stringente, aber stets bildgewaltige und überaus phantasievolle Geschichte, die mehr Fragen aufwirft als sie beantwortet. Für literarische Texte muss das aber bekanntlich nicht von Nachteil sein.
Yann Apperry: Blue Notes, Aufbau-Verlag, 19,95 €
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