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Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion SWO über Günter Rühle: Theater in Deutschland

Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion

Günter Rühle: Theater in Deutschland 1887-1945

Eine Biografie des Organismus Theater wollte Günter Rühle schreiben, und dieses ehrgeizige Vorhaben ist dem langjährigen Rezensenten, Feuilletonchef und Theaterintendanten zweifelsohne gelungen. Sein fast 1.300 Seiten starkes Kompendium umfasst die Geschichte des deutschen Theaters mit all seinen Werken und Autoren, Schauspielern, Funktionären und Kritikern, politischen Verwicklungen, ästhetischen Innovationen und beklatschten Strohfeuern über die lange und wichtige Distanz vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Thorsten Stegemann in der Virtuellen Kulturregion SWO über Elizabeth von Arnim

Rühle entwirft dabei immer wieder überzeugende Porträts, Einordnungen und Bewertungen und würzt sein ebenso kluges wie lesbares und streckenweise höchst unterhaltsames Buch mit allerhand Bonmots, deren tiefere Bedeutung und Wahrhaftigkeit sich wohl nur dem leidgeprüften Praktiker mitteilt: „Das Theater wertet anders als die Literatur; was ihm zum Leben hilft, seinen Betrieb sichert, hat einen eigenen Wert.“
Die zeitliche Rahmensetzung, die von einem Besuch Theodor Fontanes im Berliner Residenztheater, wo sich der gewiefte Romancier und Rezensent Noras „Gespenster“ ansehen möchte, bis zur Uraufführung von Max Frischs „Nun singen sie wieder“ am 29. März 1945 im Schauspielhaus Zürich reicht, ist durch die Annahme einer wegweisenden Großraumepoche der Moderne sicher gerechtfertigt. Doch Rühle setzt sich nicht nur über die temporalen Festschreibungen der Literaturwissenschaft couragiert hinweg. Er liefert eine in dieser Form und Ausdehnung wohl beispiellose Einbeziehung internationaler Strömungen, Künstler und Werke, die besonders deutlich macht, wie sehr das deutsche Theaterleben schon Ende des 19. und dann erst Recht während des 20. Jahrhunderts ein europäisches Phänomen war.
Auf grundlegend neue Erkenntnisse oder die Wiederentdeckung von Autoren und Werken wartet der Leser freilich vergebens, und gelegentlich scheint es so, dass Rühle die Bewertungsmaßstäbe und Auswahlverfahren eine forteilenden Kulturgeschichte allzu unbedenklich übernommen hat. Der umfangreiche Anmerkungsteil mit Literaturangaben, Zeittafel, Personen – und Werkregister bietet freilich reichlich Anlass, einzelne Themen und Interessenschwerpunkte weiter zu vertiefen.

Günter Rühle: Theater in Deutschland 1887-1945. Seine Ereignisse – seine Menschen, S. Fischer, 39,90 €

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