| Auf dem Höhepunkt seiner Midlife-Crisis trifft Andreas eine Entscheidung, von der viele Menschen allenfalls zu träumen wagen. Er kündigt seinen Job, verkauft die Eigentumswohnung, lässt die lauwarmen Freundschaften hinter sich, beendet all das, was im Singledasein zwischen den Begriffen Beziehung und Zeitvertreib herumirrt und versucht – wenn nicht ganz von vorn - dann wenigstens da anzufangen, wo das Leben vermeintlich die falsche Abzweigung genommen hat.
Sein radikaler Schnitt scheint der einzig richtige zu sein, denn die vergangenen 18 Jahre passen nach sorgfältiger Sichtung und ohne größere Probleme in einen roten Kunstlederkoffer. Höchste Zeit also, sich endlich zu der Frau zu bekennen, die seine Phantasie seit annähernd zwei Jahrzehnten mit Erinnerungen, verschwommenen Sehnsüchten und vielerlei Eventualitäten beschäftigt. Andreas kehrt in das Dorf seiner Kindheit zurück, doch die reale Fabienne, die das beschauliche Arrangement aus Mann, Kind und Grundbesitz halbwegs erträglich findet, hat mit der virtuellen Jugendliebe nicht viel gemein. Wo der Held kein Abenteuer suchte, findet er vor allem dieses und obendrein eine Erkenntnis, die sein couragiertes Vorhaben wieder in Frage stellt:
Die Leere sei die Wiederholung, hatte er damals gedacht. Aber es stimmte nicht. Die Leere lauerte jenseits der Wiederholung. Die Angst vor der Leere war die Angst vor der Unordnung, dem Chaos, die Angst vor dem Tod.
Mit seinem neuen Roman ist dem 1963 geborenen Peter Stamm ein großer Wurf gelungen, der in der zeitgenössischen Literatur nur noch selten anzutreffen ist. Die Protagonisten, die letztlich gar nicht wissen, was und wohin sie wirklich wollen und aus dem Ertragen der permanenten Widersprüche neue Kraft schöpfen, könnten nebenan wohnen, uns beim Bäcker begegnen oder wir selber (gewesen) sein. Ohne das Gefühl, persönlich, direkt und im Innersten angesprochen zu werden, kann dieses Buch kaum jemand aus der Hand legen.
"An einem Tag wie diesem" besticht durch die schnörkellose Erzählweise, die überschaubaren und keineswegs neuen, in dieser Form aber noch nie dargebotenen Handlungsstränge, und insbesondere durch eine ebenso schlichte wie präzise be-zeichnende Sprache, welche die Leser vom ersten Satz an in ihren Bann schlägt.
Peter Stamm: An einem Tag wie diesem, S. Fischer, 17,90 €
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