| Gottfried Benn gehörte zweifellos zu den größten Sprachschöpfern des 20. Jahrhunderts. Sein – zeitlich begrenzter - Versuch sich zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft als Staatsdichter und Herold einer neuen Zeit zu gerieren, bot jedoch auch immer wieder Anlass, kontrovers über das Verhältnis von Kunst und Politik zu diskutieren. Benn selbst hat sich dieser Debatte freilich stets entzogen und seine Literatur für unzuständig erklärt, zwischen der Leere und dem gezeichneten Ich nach gesellschaftlicher Verantwortung zu suchen.
Seine Leser müssen diese Anschauung nicht teilen, und nach den Erfahrungen mit Krieg, Gewalt und Holocaust dürfen sie vielleicht sogar nicht mehr. Insofern ist Benns ästhetische Selbstreferentialität eine permanente Herausforderung, die auf dieser Doppel-CD besonders provokant inszeniert wird. Denn niemand hat Benns Generalangriff auf die Suche nach dem Sinn des Lebens und politischen Gestaltungsmöglichkeiten eindringlicher, faszinierender und verführerischer vorgetragen als der Dichter selbst. Wer sich dieser Stimme entziehen kann, hat viel erreicht! Die Textauswahl der im hörverlag erschienen Tonträger besticht vor allem durch die Mischung aus bekannten Gedichten und Essays wie „Nur zwei Dinge“, „Astern“ oder „Soll die Dichtung das Leben bessern?“ und wieder zu entdeckenden Schätzen wie der Novelle „Der Ptolemäer“ oder Ausschnitten aus dem in Zusammenarbeit mit Paul Hindemith entstandenen Oratorium „Das Unaufhörliche“. Die zwischen 1950 und 56 entstandenen Aufnahmen sind nicht nur eine besonders angemessene Würdigung zum 50. Todestag des oft Umstrittenen. Für den Literaturunterricht bedeuten sie darüber hinaus eine wertvolle, kaum zu überschätzende Ergänzung.
Gottfried Benn liest Gedichte & Prosa, der hörverlag
bei amazon.de bestellen
zurück zur Übersicht bitte | |