| Nach wie vor gilt Hugo von Hofmannsthal als eine der wichtigsten Persönlichkeiten der deutschsprachigen Literaturszene um 1900. Diesen Rang hat er allerdings nicht nur dem Drama "Jedermann" oder dem Opernlibretto zum "Rosenkavalier" zu verdanken, sondern auch einigen poetologischen Schriften, die in der breiten Öffentlichkeit kaum Beachtung fanden. Das ist durchaus bedauerlich, denn der "Brief des Lord Chandos" (1902) stellt eines der zentralen kulturgeschichtlichen Dokumente des 20. Jahrhunderts dar. Die halb theoretische, halb fiktive Beichte eines Dichters, dem das Vertrauen in die Sprache als adäquates Ausdrucksmittel seiner Lebens- und Welterfahrung verloren gegangen ist, liest sich wie eine seltsam frühe Analyse moderner Befindlichkeiten, Bewußtseins- und Identitätskrisen:
"Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen." Doch die Aktualität des Textes weckt auch ein ungutes Gefühl. Ebnet Hofmannstahl hier nicht Generationen von Schriftstellern den Weg in eine innere Emigration, fernab allen politischen und sozialen Engagements? Legt der Chandos-Brief vielleicht das geistige Fundament, auf dem Zeitgenossen wie Botho Strauss im trüben Licht blasierten Selbstmitleids ihrer Hypochondrie freien Lauf lassen können? Viel Stoff für ein neues Nachdenken über den "Brief des Lord Chandos", der jetzt in einer sorgfältig edierten und kommentierten Neuausgabe des Insel-Verlages neben anderen lesenswerten Schriften Hugo von Hofmannsthals erschienen ist.
Hugo von Hofmannsthal: Brief des Lord Chandos. Poetologische Schriften, Reden und erfundene Gespräche, Insel Taschenbuch, 10,00 €
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