| Édouard Vuillard (1868-1940) hat ein malerisches, zeichnerisches und druckgrafisches Werk geschaffen, das der Kunst um 1900 neue Wege wies und bis heute durch seine Qualität und Vielseitigkeit besticht. Die Ausstellung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe stellt den in Deutschland noch zu wenig bekannten Künstler mit rund 120 Werken aus allen Schaffensphasen vor. Zu sehen sind Gemälde, Pastelle, Aquarelle, Zeichnungen und Farblithografien von mehr als dreißig Leihge-bern. Zu ihnen zählen das Musée d´Orsay in Paris, die Stiftung E. G. Bührle in Zürich und das Wallraf-Richartz-Museum in Köln. Zahlreiche private Sammler trennen sich für die Zeit der Ausstellung von ihren Werken und ermöglichen auf diese Weise einen bislang so noch nicht realisierten Überblick. Vuillard, der häufig intime, unspektakuläre Szenen im kleinen Format schuf, wird als ein moderner Künstler mit großer Ausdruckskraft erfahrbar.
Neben seinen Freunden Pierre Bonnard und Maurice Denis zählt Édouard Vuillard zu den Hauptvertretern der 1888 in Paris gegründeten Künstlergruppe „Nabis“ (hebräisch: „Die Propheten“), deren Ziel eine von allen akademischen Konventio-nen, insbesondere von den Zwängen exakter Naturnachahmung befreite Kunst war. Das Interesse galt dem Bild und seiner eigenen Realität. 1890 formulierte der zwanzigjährige Denis die einfache und doch folgenreiche Erkenntnis: „Ein Bild ist, ehe es ein Schlachtross, ein weiblicher Akt oder irgendeine Anekdote wird, in erster Linie eine in bestimmter Art mit Farben bedeckte Fläche.“ Vuillards Werke zeichnen sich durch ein feines Gespür für ungewöhnliche Farb- und Formakkorde aus. In ihnen herrscht eine spannungsvolle Balance aus Hell und Dunkel, Fülle und Leere, Ruhe und Bewegung. Charakteristisch sind arabeskenhaft schwingende Linien und dekorative, gemusterte Flächen, mitunter inspiriert durch japanische Farbholzschnitte. Ein frühes Meisterwerk Vuillards, in dem die Prinzipien der „Nabis“ auf vollkommene Weise verwirklicht sind, ist das Gemälde „Au lit“ („Im Bett“) von 1891: In ausdrucksstarker Verkürzung breit angelegte Farbflächen verbinden sich zu einer raffinierten Komposition, die sich ganz auf ein System horizontaler und vertikaler Linien stützt und so fast vollständig auf illusionistische Mittel der Volumen- und Raumgestaltung verzichtet. Unaufdringlich und doch eindrücklich vermittelt die ruhig-neutrale Palette die Vorstellung von Schweigen, Stille und Schlaf.
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