| Round Record Corner
Ed Rush/DJ Trace/Nico - Torque Roni Size - New FormsDiese beiden CD's zeigen exemplarisch auf, wie unterschiedlich Musik aus dem Genre Drum'n'Bass sein kann. Während "Torque" den bisherigen Höhepunkt in der Entwicklung hin zu Dark- oder Techstep darstellt und somit mit bisher nicht gekannter brachialer Gewalt über einen hereinbricht, scheint "New Forms" anfangs recht konventionell aufgebaut, soundmäßig eher in der Tradition von Goldie's "Timeless". Mit der auf "New Forms" vorhandenen Kombination von harten, schnellen Beats und mächtigen Bassounds mit sanften Soundflächen hatte ich bisher immer Probleme, eine Ausnahme war Goldie, die neue heißt Roni Size. Hier paßt alles perfekt zusammen. Was aber den besonderen Reiz ausmacht, ist die Art und Weise, wie Roni Size Schlagzeug und Bass kombiniert, wie beide zeitweise die Rollen tauschen und welche, für Drum'n'Bass bisher untypische Sounds er geschaffen hat. Zeitweise klingt der Drumsound wie Art Blakey. Wie "New Forms" überhaupt eine neue Form von Jazz darstellt, womit sie zu der zweiten großen Stilrichtung gehört, die Drum'n'Bass inzwischen eingeschlagen hat. Wobei es hier nicht einfach um das Nachspielen oder samplen populärer Sounds geht, hier wird selbst großartig interpretiert und improvisiert und daß auf jedem einzelnen Stück so neu und anders, daß man die meiste Zeit nur staunend vor seinen Lautsprechern sitzt. Die Vielfalt geht sogar soweit, daß plötzlich Hip-Hop-ähnliche Rhythmusstrukturen in einem Stück verwendet werden. Hinzu kommt der hohe Vokalanteil über die gesamte CD gesehen. Eigentlich eher untypisch für Drum'n'Bass, aber so öffnet Roni Size dem Genre eben neue Türen, zeigt an wohin es weiter gehen kann. Die gesungenen Stücke sind eigentlich Soulballaden, deren besonderer Reiz wiederum in der Kombination der sanften Melodien und des elegischen Gesangs mit den harten Rhythmen liegt. Für mich ist "New Forms" sicher eine der besten und abwechslungsreichsten CD's, die das Genre Drum'n'Bass bisher hervorgebracht hat. Uneingeschränkt empfehlenswert.
"Torque" ist um keinen Deut schlechter, aber ganz anders. Wie bereits erwähnt, hatte ich die ganze Zeit so meine Probleme mit den eher sanften Soundflächen, die bei Drum'n'Bass den harten Beats gegenüber gestellt wurden. Ich habe nie so recht verstanden, warum niemand das offensichtliche tut und zu diesen Rhythmen die entsprechend düsteren Sounds programmiert. Deswegen war ich dann ganz froh, als sich Drum'n'Bass u.a. zu Dark- bzw. Techstep hinentwickelte. "Torque" stellt in dieser Entwicklung den bisherigen Höhepunkt dar. Bei entsprechender Lautstärke gehört, stellen sich bei empfindlicheren Menschen sicher klaustrophobische Zustände ein. Das ganze ist unglaublich düster und hart - aber eben auch anziehend. Im Gegensatz zu Roni Size haben Nico und die anderen Ihren Schwerpunkt nicht auf die Weiterentwicklung der Drum'n'Bass-Struktur gelegt, ihnen ging es einzig und allein um die Entwicklung eines möglichst harten Sounds. Das ist Ihnen nahezu perfekt gelungen. Dabei ist ihnen ein Variantenreichtum gelungen, der jedes Stück neu und anders klingen läßt, als das vorangegangene - Stimmungswechsel sucht man jedoch vergebens. Ich finde die Torque unglaublich mitreißend und trotz der düsteren Grundstimmung macht sie keine schlechte Laune, ich denke sogar sie baut eher auf. Um beide CD's genießen zu können, muß man sich sicher schon eine Weile mit Drum'n'Bass beschäftigt haben oder offene Ohren für alles haben, denn sie stellen eine Entwicklungsstufe dar, von der "gewöhnliche" Musik noch meilenweit entfernt ist. Aber man wird entlohnt mit einer Musik, die man ständig neu entdecken kann und die eine intensive Beschäftigung mit ihr geradezu herausfordert. Sie regt zum Nachdenken an und macht sehr viel Spaß.
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