| Wir berühren ein Universum - über den Lyriker Martin SchmittVielköpfiges Wesen Wirklichkeit
© Bild: Martin Schmitt Vielköpfiges Wesen Wirklichkeit. Wir passen beide ins Innere einer leeren Weinflasche. Wenn ich mich verschlüssle, hilft dir auch kein Korkenzieher weiter. Der Mund, der auf meinem Rücken aufgemalt ist, lacht über deine Ernsthaftigkeit. Die Augen, denen du vertraust, haben bald schon die Farbe gewechselt. Und glaubst du, ich beschreibe, was ich seh? Und glaubst du, ich erzähle, was ich bin? Wir beide sind aufs Rad gespannt und landen auf irgendeiner andren Seite.
Vielköpfiges Wesen Wirklichkeit. Ich tummle mich auf deiner grünen Wiese. Es ist ein Festtag. Genieße die Dauer, Gelegenheitsschneewittchen, wie schnell hat dich der Augenblick gestellt und du blickst weiterhin nur einem vergeblichen Laufsteg hinterher. Schau den Tisch von der Seite an und die Teller regnen auf dich herab. Und glaubst du, ich beschreibe, was ich seh? Und glaubst du, ich erzähle, was ich bin? Wir beide nehmen die uns zugewiesenen Plätze ein, bis einer den Würfelbecher schüttelt, dann gibt es uns nicht mehr.
Vielköpfiges Wesen Wirklichkeit. Der Satz, an dem du dich heute festhältst, bedeutet morgen, dass ich einem anderen Schaufenster meine Aufmerksamkeit schenke. Was Schnee ist und weich, ist eine schmutzige Pfütze, wenn der Pegel auf dem Thermometer steigt. Genehmige dir eine halbe Minute Glück, bis das Uhrwerk von Neuem beginnt. Wer außer uns hätte eine Ahnung von den Abgründen des Meisters und von den verborgenen Münzen in seiner Hand? Und glaubst du, ich beschreibe, was ich seh? Und glaubst du, ich erzähle, was ich bin? Ich male eine Weltkarte auf die Oberfläche eines Sees, und von meinem Aquarell bleibt am Ende nur ein Wasserfleck.
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