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Gedicht des Monats | Oktober 2009

Barbara Zeizinger: "Ohne Schwerkraft"


Kulturtipps von Uli Rothfuss im SWO | Kunstportal Baden-Württemberg_Buchtipp 219

Barbara Zeizinger

Ohne Schwerkraft

Die Tür bleibt versperrt,
nur Wolkenlicht lassen wir ein,
da tanzt schon der Milchschaum
auf deiner Lippe, wir strecken uns

dem Tag entgegen, Honigfinger teilen
die Zeitung und der Sommer blitzt auf
in deinem Lächeln. Das ist nicht der
Lavendelduft der getrockneten Blüten,

das war in Frankreich vor einem Jahr,
es ist das Hingeblätterte solcher Stunden,
wenn Worte beieinander liegen.
Später essen wir Himmel und Erde

und ich mag die Beiläufigkeit,
mit der du eine Zigarette drehst.
Mehr noch das leichte Beben
in deinen Augen, die Nachhut der Nacht.

Die Autorin

Barbara Zeizinger:

geboren 1949 in Weinheim an der Bergstraße, studierte Germanistik, Geschichte und Italienisch, lebt bei Darmstadt. Sie schreibt Lyrik und Prosa. Veröffentlichte Lyrikbände und Reiseberichte. Mitglied in der Europäischen Autorenvereinigung Die KOGGE, im Verband deutscher Schriftsteller (VS), Redaktionsmitglied der polnischen Zeitschrift „Zarys“.

Begründung:

Ein scheinbar schlichtes Gedicht von Barbara Zeizinger, ein Gedicht, das einfach einen Morgen beschreibt, und doch viel mehr: es beschreibt eine Welt für sich, eine Haltung zur Welt, zum Gegenüber, es beschreibt, wie sie, die Autorin, Welt aufnimmt in sich – und wie ich, der Leser, Welt aufnehmen könnte. Die Autorin „mag die Beiläufigkeit“ - und diese sensibel gestaltete Beiläufigkeit ist es auch, die dieses Gedicht so eindringlich macht: sie führt uns Erinnerung vor (Frankreich vor einem Jahr, das „Hingeblätterte solcher Stunden“), sie bezieht diese ein in das Jetzt, „wenn Worte beieinander liegen“ - und was, fragt sich der Lesende, wäre alles ohne Worte? Sie, die Autorin, hat den liebenden, den liebevollen Blick; und sie wählt sehr behutsam, was sie einlässt in ihre Welt - „Die Tür bleibt versperrt,/ nur Wolkenlicht lassen wir ein“ - „wir“, sie setzt sich, die spricht, in den größeren Zusammenhang. Dieses Gedicht ist so fein, so betörend sinnlich gestaltet, dass dem Leser beim Vordringen wirklich Tränen kommen könnten.



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