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Kulturtipps von Uli Rothfuss in der Virtuellen Kulturregion

Kulturtipps von Uli Rothfuss in der Virtuellen Kulturregion

Stimme vom Ende der Welt:

der Tschuktsche Juri Rytcheu und sein grandioses erzählerisches Werk

Wie tief Juri Rytcheu mit den Traditionen und Bräuchen seines Volkes vertraut ist, beschreibt er in vielen seiner Bücher. Sein Großvater war ein berühmter Schamane, der sogar einige Jahre in San Francisco mit einer Schwarzen gelebt, Englisch gesprochen hatte und vom ersten Präsidenten Sowjetrußlands zu einem Gespräch empfangen worden war. Unter Stalin wurde dann das Schamanentum verfolgt und ausgerottet - Rytcheu aber hörte noch viele Berichte und Erzählungen über die einstige Religion seines Volkes durch seine Großmutter. So ist er zum einen ein wichtiger Chronist seines Volkes, der an eine durchaus blühende Kultur vor der Unterwerfung durch das Sowjetleben erinnert. Er ist aber mehr, viel mehr. Sein Werk ist eine einzigartige Auseinandersetzung mit den Mechanismen des Zusammenpralls von Kulturen, die auch immer Entwürfe von Gleichberechtigung, oder besser des Gleichberechtigt-Seinwollens der Kulturen, und Mechanismen der Unterwerfung enthalten. Die Bücher von Juri Rytcheu sind so letztlich Versuche, die Reste der Identität des eigenen Volkes zu suchen und zu erhalten. Eindrücklich beschreibt Rytcheu dies in seinem Roman "Die Suche nach der letzten Zahl", in dem drei Kulturen aufeinandertreffen, die dänisch-mitteleuropäische, die russische und die tschuktschische: bei der Ankunft von Roal Amundsens Expedition im Jahr 1918 auf ihrem Weg zum Nordpol auf Tschukotka, als das Forschungsschiff im Eis vor der Küste einen Winter lang festhängt. Im selben Jahr macht sich der junge Bolschewik Alexej Pershin auf den Weg nach Tschukotka, um die revolutionären Ideen Lenins dort zu verbreiten. Rytcheu schöpft aus der unmittelbaren Erfahrung seiner Kindheit in den Jarangas und mit den Waljägern und Renzierzüchtern, und er beschreibt seine späteren Erlebnisse bei den Besuchen auf der sibirischen Halbinsel: das Verschwinden der Jarangas, das Dahinvegetieren vieler seiner Verwandten in den neugeschaffenen Betonsilos sowjetischer Prägung, die Hingabe eines ganzen Volkes an den Alkohol. Dies wirkt beim Autor Rytcheu aber nicht durchweg melancholisch-depressiv, sondern oft mit Humor und auch Liebe zum beschriebenen Detail, durchaus versetzt mit grandiosen Landschaftsbildern eines Landes, das den größten Teil des Jahres in Eis versinkt. Der Autor versteht es, in jeden der mit feinem Strich gezeichneten Charaktere noch Züge zu integrieren, die an das alte Tschukotka erinnern.

"Der Wert eines Kunstwerkes wird davon bestimmt, inwieweit es die sozialen Bedürfnisse des Menschen reflektiert", sagt Juri Rytcheu, und: "Ich bemühe mich, meine Bücher so zu schreiben, daß die Menschen einander lieben." Juri Rytcheu läßt die Leser seiner Bücher "in ein Universum eintreten", wie er selbst es sagt, die Wurzeln Rytcheus liegen in der mündlich überlieferten Literatur seines Volkes, in den Mythen und Legenden, und er hat Wege gefunden, diese Mythen und Legenden zeitgemäß, spannend und ungemein sinnlich zu erzählen. Juri Rytcheu ist, das ist meine Überzeugung, einer der großen Erzähler unseres Jahrhunderts.

Von Juri Rytcheu sind folgende Bücher auf deutsch erschienen und lieferbar (alle im Unionsverlag Zürich):

Traum im Polarnebel. Roman. 1991 (Tb. 1993)
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Wenn die Wale fortziehen. Eine Schöpfungsgeschichte von den Ufern der Beringsee. 1992 (Tb. 1995)
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Teryky. Eine Tschuktschenlegende. 1993
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Unter dem Sternbild der Trauer. Roman. 1994
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Die Suche nach der letzten Zahl. Roman. 1995
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Unna. Roman. 1997
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Im Spiegel des Vergessens. Roman. 1999
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Der letzte Schamane. Roman 2002
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Die Reise der Anna Odinzowa. Roman 2002
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