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Kulturtipps von Uli Rothfuss in der Virtuellen Kulturregion

Kulturtipps von Uli Rothfuss in der Virtuellen Kulturregion

Stimme vom Ende der Welt:

der Tschuktsche Juri Rytcheu und sein grandioses erzählerisches Werk

In allen Büchern von Juri Rytcheu ist die eigene Heimat Hintergrund der Geschichten, sei es, daß diese Geschichten tatsächlich auf Tschukotka spielen oder nur, wie in seinem jüngsten Buch "Im Spiegel des Vergessens", sich aus der Ferne mit dem Land der Vorfahren auseinandersetzen.

Daß der Autor, geschult natürlich an der Maßgabe des "sozialistischen Realismus", dabei früh kritische Töne anschlug, beispielsweise in seinen Büchern die durch die Russen nach Tschukotka gebrachte Alkoholsucht beschrieb, oder in jüngerer Vergangenheit die Verseuchung von weiten Teilen der arktischen Küste durch Atomversuche in den Weiten der Tundra anprangerte, ließ ihn zwar nicht dauerhaft in Ungnade fallen, die Behörden und die Partei hatten aber doch ein wachsames Auge auf ihn. Denn gerade er als Vertreter eines kleinen Nordvolkes, der es zum Intellektuellen und prominenten Schriftsteller gebracht hatte, der in viele Sprachen der Brudervölker und darüber hinaus übersetzt worden war, sollte als Vorzeigebeispiel für die Nationalitäten- und Sprachenpolitik der Sowjetunion herhalten: Wo sonst auf der welt war es einem Staat gelungen, ganze Völker aus dem vorzivilisatorischen Stand ihrer Entwicklung herauszureißen und innerhalb von Jahrzehnten in die Zivilisation des 20. Jahrhunderts zu katapultieren? Dabei anerkennt Rytcheu durchaus auch die Leistungen der Russen in seinem Heimatland: "Die Russen haben das tschuktschische Schrifttum geschaffen, erste Bücher herausgegeben, Schulen eingerichtet, Krankenhäuser gebaut. Der ungebildetste Mensch auf der Tschukotka hat heute mindestens vier Klassen absolviert." Aber er verschweigt auch nicht, welcher Niedergang an tschuktschischer Kultur damit verbunden ist: "Dafür mußten die Tschuktschen mit dem Verlust ihrer Eigenart bezahlen."
Dennoch hat Rytcheu Hoffnung auf ein Fortbestehen eines eigenständigen Volkes der Tschuktschen, das noch in der Zarenzeit als "nicht unterworfenes Volk" anerkannt wurde: "Das einzige, was hoffen läßt, ist, daß die Tschuktschen immer dort gelebt haben, wo andere, große Völker nicht leben wollten."

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