| Es ist nicht leicht, in diesen Tagen über Tschetschenien zu schreiben. Aber es ist wichtig, um der Sprachlosigkeit über das, was im Kaukasus passiert, eine Sprache zu geben. Literatur ist die Essenz menschlichen Geistes, und man kann über Gedichte schreiben, die Tschetschenien, das Volk der Tschetschenen und auch das Leiden der Menschen in der Kaukasusrepublik zum Thema haben. Und damit vielleicht eine Annäherung erreichen an das, was Schmerz verursacht, erreichen. Gerade deshalb soll dieser Beitrag auch und gerade jetzt ein Hinweis darauf sein, dass dieses uralte Volk der Tschetschenen eine uralte geistige Tradition hat, eine Tradition, deren Urgrund die Unabhängigkeit ist: nie in seiner langen Geschichte hatte dieses Volk einen Fürst oder König, die Menschen lebten in Sippenverbänden und als freie Bauern auf freiem Grund, die persönliche Freiheit war und ist wichtigster Bestandteil des Selbstverständnisses; sie zu verlieren bedeutete in der Vergangenheit und bedeutet heute Verlust der Würde schlechthin, weshalb die Verteidigung der persönlichen Freiheit und des eigenen Landes, der heiligen Berge und Friedhöfe oberstes Sittengesetz für jeden Mann darstellt. Der Beitrag und Verweis auf dieses Buch soll deshalb auch Anregung sein, sich mit den Hintergründen zu beschäftigen und sich nicht durch Vordergründiges blenden zu lassen.
Der Dichter Apti Bisultanow wurde 1959 geboren, in einer Zeit, in der die tschetschenische Sprache unterdrückt wurde, in der gerade die Vertreibung des gesamten tschetschenischen Volkes in die kasachischen Steppen, die Stalin 1944 angeordnet und 60 Prozent der Menschen des Volkes das Leben gekostet hatte, aufgehoben war. Apti Bisultanolw setzte sich früh in Opposition gegen die verordnete sowjetische Dichtung, er orientierte sich an der europäischen Moderne – insbesondere an der spanischsprachigen mit Pablo Neruda und Frederico Garcia Lorca. Er schrieb freien Reim, im Gegensatz zum gereimten Gedicht des sozialistischen Realismus, er beschäftigte sich mit der Geschichte des eigenen Volkes und schuf literarische Formen, die auch die traditionellen tschetschenischen Formen der Dichtung mit der europäischen Moderne verbanden. So fand er seinen Stil.
In dem Gedichtband ist das Gedicht „In Chaibach verfasst“, in dem er die Deportation des gesamten Volkes der Tschetschenen im Jahr 1944 thematisiert – dieses Gedicht, in Grosny in seinem letzten dort publizierten Gedichtband veröffentlicht, machte den Menschen in seiner Heimat aufs Neue das Trauma der russischen Bedrohung bewusst: In dem Bergdorf Chaibach waren 1944 700 Einwohner lebendig verbrannt worden, weil sie wegen hohen Schnees nicht transportiert und deportiert werden konnten – bis heute ein Symbol schlechthin für die russische Despotie im Kaukasus. Apti Bisultanow, einer der Initiatoren der Unabhängigkeitsbewegung Tschetscheniens in den 90er Jahren, lebt seit zwei Jahren in Berlin. Sein Heimatdorf Goitschu ist seit dem russischen Überfall im Jahr 2000 nur noch Asche und Staub, selbst die den Tschetschenen heiligen Friedhöfe wurden eingeebnet. Fast ein Wunder ist, dass seine Dichtung dennoch in der Lage ist, Hoffnung zu geben. Zweisprachig, mit einem Nachwort von Ekkehard Maaß, dem Vorsitzenden der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft, aus dem oben zitiert wurde.
Apti Bisultanow: Schatten eines Blitzes. Gedichte. Aus dem Tschetschenien von Ekkehard Maaß. Brosch., 142 S., Kitab-Verlag, Klagenfurt-Wien 2004, 18 Euro.
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