| Michael Hamburger, der 80-jährige, aus Berlin stammende und seit den dreißiger Jahren in London lebende Dichter, ist heute schon Legende. Als Jude war er gezwungen, seine Heimatstadt zu verlassen, und in England wurde er bald schon zu einem Kritiker jeder Art von Totalitarismus. Er entwickelte seine eigene Dichtung und wirkte dazu als herausragender Übersetzer der Werke Hölderlins, Goethes, Rilkes und von Dichtern seiner Generation ins Englische. Bedeutende Preise wurden ihm zuerkannt: die Goethe-Medaille, der Hölderlin-Preis.
Michael Hamburger schreibt auf Englisch, und jetzt ist im Folio-Verlag ein wundervolles Buch mit einem Gedicht Hamburgers herausgekommen, zweisprachig und mit viel sprachlichem Können und Einfühlungsvermögen übersetzt von Peter Waterhouse: Aus einem Tagebuch der Nicht-Ereignisse - typischer Hamburger-Titel, nach "Vernunft und Rebellion", "Heimgekommen", "Verlorner Einsatz".
Ein ganzes Jahr ein Gedicht, beginnend mit Dezember, und gleich mit einem jener unvergleichlichen Bilder, die die Sprache Hamburgers so charakteristisch machen: „Sunshine on hoarfrost: one true winter day ...“ – „Rauhreif im Sonnenlicht: ein wahrer Wintertag ...“. Hamburger nimmt alles in seine Dichtung herein, das Außen und das Innen, er beobachtet sehr genau die Welt und ordnet sie seiner Dichtung unter – diese wird dadurch, die Dichtung, nichts anderes als selbst Welt: zunächst seine, die Welt des Dichters, die sich beim Lesen langsam, subtil, überträgt auf uns, die Lesenden. Hamburgers Kritik des „Außens“ verinnerlichen wir, die Leser, und sie wird unsere – weil es nichts dagegen zu sagen gibt, „dass kaum mich schaudert vor dem echten Schrei der Eule/ Aber vor den munter braven Schnattermäulern“. Landschaft, die Natur, immer wieder als Seismographen der Befindlichkeiten, dieser Dichter steht in der besten, auch deutschen Literaturtradition, gekonnt das Dialogische in den Gedichten, das Wechseln zwischen dem Außen, dem „kollektiven Moorhuhnschießen mit gezähltem Abschuß“ und dem Innen, wenn „Erste Dinge mit den letzten, den Erzählenden verschlagen“.
Dieses Gedicht kann man nicht „verstehen“, man kann ihm sich nur langsam und immer wieder annähern. Michael Hamburger ist, wahrlich, einer der ganz großen Dichter.
Michael Hamburger: Aus einem Tagebuch der Nicht-Ereignisse. Gedicht. Brosch., 140 S., Folio Verlag, Bozen/Wien 2004, 18 Euro.
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