| Wir leben in einer Zeit des gewaltigen Kulturwandels – weg von der Buchkultur, hin zu einer computergestützten Unkultur. So sehen es viele Pessimisten: die "hohe Literatur" wird um ihre Existenzgrundlage, das Buch, gebracht, und mit ihr verschwindet die Komplexität aus unserer Wissensordnung.
Seit langem geht der Romancier und Essayist Walter Grond diesem Phänomen nach und überprüft, ob der Wandel nicht auch Chancen beinhaltet – und er gibt immer wieder zu bedenken, dass der vielbeschworene Kulturverlust nicht nur ein Verschwinden von Identität beinhaltet, sondern auch einen Gewinn einer ganz neuen Freiheit bedeuten kann, den es zu nutzen gilt. Er untersucht die Möglichkeiten, die sich dem Schriftsteller bieten. Und er sieht eine „dritte Kultur“ als Horizont eines neuen geistigen Feldes auftauchen, „in dem Gedächtnisarbeit, Forschung und Simulation interdisziplinär betrieben werden – eine Vision von naturwissenschaftlich gebildeten Geistes- und Literaturmenschen.“
In seinem Buch „Der Erzähler und der Cyberspace“ geht er Phänomenen wie dem Cyberpunk, der Datenkritik, den Möglichkeiten von Literatur im neuen Kontext, aber auch Grundsätzlichem wie der Frage der Funktionen des Autors, der Stellung des Künstlers als Generalist oder des Verhältnisses des Ästheten zur Moral nach.
Im Band „Vom neuen Erzählen“ integriert Walter Grond bereits neue literarische Formen wie E-Mail-Dialoge, er knüpft an die im Vorgängerband ausgebreiteten Thesen an: dass die vielfältigen Verknüpfungsmöglichkeiten und die erforderliche Strukturierung des Informationsgehalts auf die Literatur bezogen als Chance für ein erneuertes Erzählen gesehen werden können. In dem Buch reicht die Bandbreite der Themen von einer Diskussion zur Mythenbildung um Thomas Bernhard bis zum Konnex zwischen Naturwissenschaft und Literatur – spannend und hochaktuell.
Schließlich der Band „Schreiben am Netz. Literatur im digitalen Zeitalter“. Hier ist ein im Frühjahr 2002 durch das Collegium Helveticum an der ETH Zürich durchgeführter literarischer Salon im Internet, dessen Ergebnisse bei einem Symposium analysiert und weiterdiskutiert wurden, dokumentiert.
Drei spannende Bände über die Zukunft der Literatur – die nicht in Pessimismus versinken, das ist das Verdienst von Walter Grond, sondern die den Wandel auch mit einer Chance verbinden, dass das Erzählen doch weiter geht, wenn auch unter veränderten Umständen. Aber warum soll gerade die Literatur stehen bleiben, wo sich die Welt längst von der Statik bestehender Hierarchien verabschiedet hat; der regelmäßig wiedergekäuten These vom „Ende der Literatur“ wird hier das Wasser abgegraben.
Walter Grond: Der Erzähler und der Cyberspace. Essays. 160 S., Hardcover, 1999, 22 € Walter Grond: Vom neuen Erzählen. Gipfelstürmer und Flachlandgeher. Essays, Gespräche, E-Mail-Dialoge. 224 S., Hardcover, 2001, 22 € bei amazon.de bestellen Johannes Fehr / Walter Grond (Hrsg.): Schreiben am Netz. Literatur im digitalen Zeitalter. 2 Bände, 456 S., brosch., 2003, 29 €. Alle erschienen im Haymon Verlag, Innsbruck.
zurück zur Übersicht bitte | |