| Nachdem er seine Erzählung „Krebsgang“ beendet hatte, verordnete sich Günter Grass eine Schreibpause. Und er wendete sich dem Zeichnen und Bildhauern zu – der Literaturnobelpreisträger, der von seiner ursprünglichen Ausbildung her Bildender Künstler ist. Wie in einem Rausch entstanden Bilder von Tänzern, von tanzenden und von kopulierenden Paaren – auf Papier und in Ton geformt. Grass, selbst leidenschaftlicher Tänzer, verweist mit seinem Titel „letzte Tänze“ auf seine eigene Sicht als alt gewordener Dichter – er wurde 1927 geboren -, und er umkreist sein Thema jetzt nicht mehr nur mit weit ausholenden Schritten auf dem Tanzboden, sondern mit wilden und anmutig sich drehenden, voller Leidenschaft und dann wieder lässig sich hingebenden Paaren auf dem Papier.
Während des bildnerischen Tuns meldete sich der Dichter wieder: es entstanden Gedichte, die er teilweise in die Bilder integrierte, Gedichte, die nahezu immer auch auf ihn selbst zurückweisen: „Verjüngt war ich gottähnlich./ Die Pfeife lag abseits, kalt.“ – ein immens persönliches Buch von Grass. Egal, ob er tanzende oder kopulierende Paare gestaltet, die Menschen werden mit den gleichen, sich hingebenden Gefühlen gestaltet, denn „der Beat hört nicht auf zu hämmern“ und reißt auch ihn, den alten Zeichner und Dichter, mit.
Fast ein Dokumentationsband ist dieses Buch: ein, nochmals, leidenschaftlicher Abschied vom Tanz, von der Körperlichkeit, bei dem der Dichter und Maler, Bildhauer, alle Register seiner künstlerischen Fähigkeiten zieht. Besonders spannend wird dies, wenn er Schrift und Bild ineinander lagert, ein Wechselspiel entstehen lässt, bei dem mal das Bild, mal die Schrift Oberhand gewinnt.
Günter Grass: Letzte Tänze. Gedichte und Bilder. 96 S., Leineneinband, Steidl Verlag, Göttingen 2003, € 35,-
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