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Kulturtipps von Uli Rothfuss in der Virtuellen Kulturregion: Buchtipp 29

Kulturtipps von Uli Rothfuss in der Virtuellen Kulturregion

"Ein Kranz für das Grab des Windes" von A. Tschertschessow

Immer wieder sind literarische Kleinode zu entdecken, die sich in den Verlagsprogrammen verstecken: Geschichten, geschrieben in einer eindringlichen, unaufdringlichen Sprache, Geschichten oft auch aus Literaturen kleiner Völker, die – vielleicht gerade deswegen – im mainstream der vermarkteten Literatur kaum wahrzunehmen sind.



Kulturtipps von Uli Rothfuss in der Virtuellen Kulturregion SWO_Buchtipp 29

Eine solche Entdeckung ist der Roman "Ein Kranz für das Grab des Windes" des Osseten Alan Tschertschessow, Schriftsteller und Literaturdozent in der nordossetischen Hauptstadt Wladikawkas im Nordkaukasus. Zuhause bereits mit wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet und immer wieder als einer der wichtigsten jüngeren Schriftsteller russischer Sprache benannt, ist Tschertschessow hierzulande noch weitgehend unbekannt. Dabei hat er es verdient, entdeckt zu werden: Zunächst einmal ist es die Art seines Erzählens, mit der er den Leser an die Lektüre fesselt – gänzlich unprätentiös konzentriert der Autor sich auf seine Geschichte um eine Gruppe von Menschen in einem Dorf im Kaukasus. Er gestaltet an diesem Beispiel in scheinbar lokalen Zusammenhängen und ohne dies pompös anzukündigen die großen Themen um Liebe, Macht und Tod. Sein Herangehen an die zu erzählende Geschichte muss sich dabei dem Leser aber erst im Laufe des Lesens erschließen. Er wird langsam hineingesogen in diese kleine Welt, bis er Zusammenhänge erkennt und letztlich sich selbst und seine eigenen Themen wiederfindet. Anhand von einzelnen Schicksalen und ihrer Verstrickung mit den Mythen seiner Heimat schließt Tschertschessow seinen Lesern den Zugang zu einem Modell von Welt auf, das tragfähig ist auch für andere Gemeinschaften und Kulturen.

Dass der Roman direkt den Leser anspricht, ist sicher auch der glänzenden Übersetzung von Annelore Nitschke zu verdanken.

Anspruchsvolle Literatur, komplex und vielstimmig konstruiert, dennoch lesbar, menschliche Schicksale im Buch, und dies in einer erzählerischen Dichte und poetischen Vielgestalt, die ihresgleichen sucht.

Allan Tschertschessow: Ein Kranz für das Grab des Windes, Roman, 624 S., geb., Deutsche Verlags Anstalt, München 2003, € 29,90

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