| Zwei Bücher des russischen Romanciers Anatoli Pristawkin sind im letzten Jahr auf dem deutschen Buchmarkt erschienen – vordergründig zwei völlig unterschiedliche Bücher, eigentlich aber handeln sie vom gleichen Thema.
Das eine Buch: ein Roman, erschienen 1987 in der Sowjetunion in einer erzwungenen gekürzten Fassung, 1992 erstmals im deutschsprachigen Raum. „Schlief ein goldnes Wölkchen“ – mit diesem Roman wurde Pristawkin weltberühmt. Er erzählt die Geschichte eines Jungen, der aus einem Moskauer Kinderheim in den Kaukasus umgesiedelt wird, nach Tschetschenien – und der langsam entdeckt, dass dort Schreckliches passiert ist: ein ganzes Volk, die Tschetschenen, war gewaltsam umgesiedelt worden, und in den Bergen kämpfen die heimlich Zurückgebliebenen gegen die Russifizierung ihres Landes – die stolzen Tschetschenen. Schonungslos deckt dieses Buch, aus der Perspektive des Jungen erzählt, den stalinschen Nationalitätenterror im Kaukasus auf, indem der Autor einfach beschreibt, was er selbst als Kind erlebt hat. Und Pristawkin, im Jahr 1982 hat er dieses Buch geschrieben, nahm die Geschehnisse der Tschetschenienkriege rund 20 Jahre später vorweg, bei denen Grausamkeiten und Terror noch um ein Vielfaches überboten wurden: Land und Menschen sollten schlichtweg vernichtet werden.
Zwar von der Textart her, aber nicht vom Thema, weicht das zweite Buch ab: „Ich flehe um Hinrichtung“ enthält dokumentarische Texte. Anatoli Pristawkin berichtet hier über seine Erfahrungen als Vorsitzender der Begnadigungskommission Russlands. Er zeichnet Lebensläufe nach und zeigt uns eine „Hölle der Rechtlosigkeit“; auch hier bleibt er seiner Linie treu: durch alle Beiträge ist immer wieder sein Ruf nach Menschlichkeit zu hören. Vielen Todes-Kandidaten konnten Pristawkin und seine Kommission das Leben retten. Dieses Buch „handelt von jedem, der eingeschlossen ist in das kriminelle Straflager, das Russland heißt“, sagt der Autor über sein Werk.
Präsident Boris Jelzin hatte die Begnadigungskommission, der Anatoli Pristawkin vorstand, eingerichtet. Präsident Putin hat sie 2001 aufgelöst. Beide Bücher sind nicht nur lesenswert, so schwer die Lektüre manches Mal auch fallen wird. Sie helfen, für das heutige Russland Orientierung zu finden. Und sie geben trotz allem Mut: es gibt Menschen, die ihr eigenes Leben einsetzen, um ein bisschen mehr Menschlichkeit zu erreichen. Danke, Anatoli Pristawkin.
Anatoli Pristawkin: Schlief ein goldnes Wölkchen. Roman. Brosch., 380 S., Luchterhand Literaturverlag, München 2003
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Anatoli Pristawkin: Ich flehe um Hinrichtung. Geb., 380 S., Luchterhand Literaturverlag, München 2003.
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