| Diese Woche habe ich ein besonderes Buch erhalten; dieses Buch mit dem Titel „Mpue de zes – Leggermente defilato – Etwas abseits“ von Roland Verra verlangt vom Leser, sich damit auseinander zu setzen, nicht in wenigen Minuten nur, sondern man muss sich darauf einlassen; und, hat man erst einmal damit begonnen, tut man es gerne – ja, es ist eher schwierig, wieder herauszufinden in die tägliche Welt.
Roland Verra, Schulamtsleiter des ladinischen Schulamts in Bozen, ist einer der wenigen Dichter Ladiniens, des kleinen Dolomitenvolkes im Gebiet Südtirols, eine Minderheit in der Minderheit. Und Roland Verra blickt mit seiner Dichtung weit über die ladinischen Täler in den Dolomiten hinaus. Seine Themen sind die großen Themen der Literatur, die er eigenwillig, bilderreich, ungemein direkt und mit vielen Rückbezügen – in die ladinischen Mythen vor allem, innerlich monologisierend beackert. Manche Texte scheinen problematisch, wie Verra in seinem Vorwort ankündigt, aber sie scheinen es nur, denn nie überwiegt die negative Sicht auf die Welt. Es gelingt Roland Verra, Probleme zu benennen, oft weniger direkt als so, dass im Leser eine Saite angerührt wird, dass er seine eigenen, inneren Schwingungen zu hören scheint und dass sich in ihm fast unmerklich ein Prozess der Bewusstmachung in Gang setzt, die er selbst kaum benennen könnte. Wahrhaft sind seine Texte gewiss, sie setzen nicht auf kurze Momente des Aha-Erlebnisses; man muss den Schwingungen dieser Texte nachspüren, und dafür muss sich der Leser auf die Texte einlassen. Sie beiläufig, in der Straßenbahn, zu lesen, wird nicht gelingen. Falsche Idyllen schafft Roland Verra beileibe nicht, er schafft gar keine Idyllen, sondern ruft mit seinen Gedichten und kurzen Prosastücken innere Welten hervor, die sich dem Leser vor die reale schieben können – so, dass der Unterschied verwischt. Beispiel aus dem Gedicht Caput mundi: „Die Wunder dieser Welt,/ ich sehe sie nicht,/ das Schöne ist nur ein Abglanz/ auf den Gesichtern einer alten Stadt,/ begraben in ihren zertretenen Ruinen ...“ – die Welt in Bezug gesetzt zu mir selbst, zum Dichter, zum Leser. Das Schöne als Abglanz, nur als ein Abglanz – scheinbar negativ, pessimistisch, aber doch scheint die Hoffnung durch, dass es das Schöne auch an sich gibt, bereits hier, das Schöne als das Schöne, und dass jede Suche sich lohnt. Dies wird in der nächsten Strophe deutlich: „Ein Stück Himmel,/ so blau,/ so weich,/ es lief an mir vorbei/ im Taxi...“. Das Schöne als Stück Himmel, auch wenn es vorbeiläuft – wie könnte man das Schöne dauerhaft fassen – man muss sich mit dem Augenblick genügen und versuchen, diesen ins Herz zu schließen. Die Gedichte von Roland Verra, wie gesagt, verlangen nach Tiefgang – ins Gedicht und ins eigene Selbst.
Ein Buch, das hilft, Sensibilität zu schaffen und zu schulen, im Umgang mit Texten und damit im Umgang mit sich selbst und mit der ganzen, neu gesehenen Welt um sich herum.
Der dreisprachige Band – ladinisch, italienisch und deutsch – wurde mit Bildern des Vaters von Roland Verra ergänzt, Carlo Verra, 1917 geborener Bildhauer und Maler in St. Ulrich/Urtijei, und seine Bilder korrespondieren wiederum in eigener Weise mit den Texten. Es sind kunstvoll komponierte Landschaften, Stilleben, in Beziehung gebrachte Menschen, die wie die Texte, vom Betrachter nicht nur für das Schöne Beifall bekommen, sondern intensiv das Innere ansprechen, das Dahinter erforschen lassen.
Das Buch wurde vom ladinischen Kulturinstitut „Micurà de Rü“ herausgegeben. Es dürfte eigentlich in keiner wertvollen Sammlung von Dichtung fehlen.
Roland Verra: Mpue de zes – Etwas abseits – Leggermente defilato, brosch., 112 S., mit farbigen Bildern von Carlo Verra, Institut Ladin „Micurà de Rü“, San Martin de Tor 2005, 10 Euro.
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