| Disziplin ist auch vonnöten, wenn man wie Matthias Kehle winters wie sommers mit dem Fahrrad durch die Stadt düst. Denn stundenweise geht der Schriftsteller auch noch seinem bürgerlichen Beruf als Soziologe nach. Nun ist er zwar seit 1987 im Besitz eines Führerscheins, ist auch gelegentlich Auto gefahren, aber irgendwie ist er schon ausgewiesener "Autohasser". Keiner der militanten Sorte, versteht sich. Aber wer seine Meinung über den durchschnittlichen Autofahrer literarisch kennenlernen möchte, dem sei die Episode „Herrchen“ aus Kehles jüngster Veröffentlichung "Pappert-Geschichten" (Alkyon Verlag) wärmstens empfohlen. Er kennt sie alle, die Nichtblink-, Schleich- und Drängelverbrecher und er weiß, wie man sie verunsichern kann. Da gehört praktische Erfahrung dazu, nicht nur aus der Perspektive des Fahrradsattels.
Matthias Kehle ist – man traut sich kaum, es zu schreiben – nicht gerade mit übermäßiger körperlicher Länge gesegnet, aber weit davon entfernt, als „klein“ durchzurutschen. Die Erfahrung lehrt, dass Menschen mit dieser Vorgabe sich manchmal auf die Zehen stellen müssen, sich aber dafür nirgends den Kopf anschlagen. Kehle stellt sich auf die Hinterfüße. Und er hat zusätzlich sein Gehör enorm geschärft. Das sieht man ihm an (ich hoffe mal, er lacht über diesen Satz), denn seine Ohren sind unübersehbar. Die braucht er auch. In seinen „Pappert-Geschichten“ zeigt er, warum.
Kehle ist Lauscher. Und mit guten Augen ausgestattet. Trotz Brille. Er hört und sieht das Alltägliche, merkt es sich und plötzlich – wenn man selbst das Ereignis längst abgehakt, vergessen hat – steht es plötzlich schwarz auf weiß da. Gedruckt. Nicht so, dass man sich bloßgestellt fühlen könnte. Das will er nicht. Schließlich sind wir alle, der Autor eingeschlossen, ein bisschen „Pappert“. Irgendwo tief in uns drinnen sind wir kleine Anti-Helden und lachen deshalb trotzdem. Manchmal auch über uns.
Das ist eine der Seiten des Matthias Kehle. Eine andere steht der ersten ziemlich konträr gegenüber. Der Lyriker Kehle hat zwar dasselbe Gesicht, aber ein völlig anderes Innenleben. Da kommt plötzlich der „Bergwanderer“ Kehle zu Wort. Wenn auch sehr verhalten. Verdichten ist sein kurzes Credo. Aber das geht nicht von heute auf morgen. Sechs Jahre lang hat Kehle an seinem in diesem Frühjahr veröffentlichten Gedichtband „Farben wie Münzen“ gearbeitet (im renommierten Rimbaud Verlag). Dichter geht es kaum. Schon dass Walter Helmut Fritz, Schriftsteller-Institution an sich, das Nachwort zum Band geschrieben hat, ist eine Auszeichnung. „Das Ausgelassene ist anwesend,“ schreibt Fritz – mehr kann man über Gedichte kaum schreiben, mehr Lob und Anerkennung ist schwer in weniger in Worte zu fassen. Und auch hier sind es die eher einfachen, alltäglichen Dinge, die den Lyriker Matthias Kehle faszinieren: Der Regen, Farben, das Wechseln der Schuhe (vielleicht zu Anfang/Ende einer Wanderung?), ein Gemälde, ein Mensch, irgendwo. Aber er/es kommt uns bekannt vor. Dass Karlsruhe (und das seit 1967) ein kleines Juwel beherbergt, ist inzwischen auch bis nach Stuttgart vorgedrungen. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg hat an Kehle ein sechsmonatiges Literaturstipendium vergeben. Damit er künftig noch besser lauschen, sehen, verdichten kann. Das Stipendium, nicht einmal „schwäbisch-geizig“ dotiert, hat er sich verdient. Denn mit Gedichten ist nichts zu verdienen. Und trockener Lorbeer allein passt so gar nicht zum Rotwein, den Matthias Kehle nach getaner Arbeit ziemlich mag.
Harald Schwiers' Porträt über Matthias Kehle ist aus dem aktuellen und gerade erschienenen Tagebuch der Fächerstadt 2003, Info Verlag KA
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